Kapitulation

Die Willensfreiheit ist ein seit Jahrtausenden diskutierter Begriff der Philosophie und zunehmend auch der Psychologie und Neurobiologie. Diese Debatte ist zu groß, als dass ich ihr annähernd gerecht werden könnte. Für die Sucht gibt es aber einen zentralen Punkt. Zur Willensfreiheit zählt die innere Autonomie. Sie ist gegeben, wenn eine Person fähig ist, das zu tun, was sie für das Beste hält. Das impliziert: 

  • Die Person hat die Fähigkeit zu überlegen.
  • Die Person hat die Fähigkeit, das Ergebnis ihrer Überlegungen handlungswirksam werden zu lassen. Sie ist in der Lage, das, was sie „wirklich" will, auch zu tun. (3)

Diese Kompetenzen hatte mir die Sucht abgerungen. Dennoch hatte ich eine Wahl. Die Optionen waren nur reduzierter: weiter zu trinken oder aufzuhören. Dass ich mich für Letzteres entschied, verdanke ich Menschen, die mich mit meinem  Problem konfrontiert haben. Ich bin mir sicher, ohne ihre offenen Worte hätte ich mich tot getrunken.

 

Wollten Sie damals sterben?“, hat mich mein Therapeut Jahre später gefragt. „Ich weiß es nicht“, habe ich geantwortet und es ist eine Frage, auf die ich keine abschließende Antwort finden werde. „Ich glaube, ich wollte einfach, dass es aufhört.“ Ich nehme an und hoffe, dass ich damit das Trinken meinte – und nicht das Leben. Andererseits weiß ich, dass ich froh bin, niemals größere Mengen Tabletten in einer Schublade verwahrt zu haben. Einen Abschied aus dem Leben hatte ich rational nie erwogen, im Sinne von wirklich überlegt, geplant, mit Vorsatz. Aber was war noch rational? Auf dem Gipfel meiner Suchtlaufbahn hört das Verstehen endgültig auf. 

- Ende Phase Drei -

(3) Vgl. Professor Doktor Joachim Körkel: Willensfreiheit – eine nützliche Illusion in der Psychotherapie, Seite 9


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