Willenlos

Rational hätte ich bremsen müssen. Ich hätte mich ins Krankenhaus einliefern und unter medizinischer Aufsicht entgiften müssen. Diese Sätze sind gesund und logisch.

 

Ich funktionierte aber nicht mehr gesund und logisch. Ich versuchte, die Panik abzustellen. Ich versuchte, das Unmögliche möglich zu machen: das nie vorhandene Glück mit einem noch mehr der Substanz zu erzwingen. Was in einer süchtigen Person vor sich geht, ist auch deshalb schwer zu erklären, weil es irgendwann nicht mehr viel zu erklären gibt. Das Knäuel im Kopf ist total verworren. Die rechten Netzwerke wissen nicht, was die linken tun oder überhaupt tun könnten, damit ihre Arbeit einer intakten Logik folgte. Nichts von dem, was sich im Frontalhirn ereignet, passt zu dem, was die Netzwerke im Hirnstamm bräuchten, um eine sinnvolle Kommunikation herzustellen. Das Belohnungszentrum ist zweckentfremdet, das Nervensystem zerrüttet, die Konditionierung auf die Droge fixiert. Im Oberstübchen herrscht synaptisches Vollchaos – und entsprechend fällt die zugehörige Person aus der Rolle. Ende, aus, Kontrollverlust.

 

Vor diesem Hintergrund ist mir heute klar, wieso die Krankheitseinsicht mit fortschreitender Anhängigkeit eher schwindet als steigt. Sie erfordert Einsicht, einen klaren Kopf, Mut, Entscheidungsgewalt, Zuversicht und die Bereitschaft zur Selbstliebe und Selbstfürsorge. Fertigkeiten, die ich längst nicht mehr mitbrachte. Zu sagen, ich konnte nichts dafür, gefällt mir nicht. In jedem Stadium meiner Erkrankung hätte ich um Hilfe bitten können und ob eines breiten Angebots in Deutschland hätte ich sie erfahren. Was aber wollte ich, beziehungsweise was konnte ich zuletzt noch wollen?