Tanz mit dem Teufel

An einem Morgen X, zu dem ich keinen kalendarischen Eintrag benennen kann, erwachte ich und zitterte. Fortan trank ich auch tagsüber. Meine Tagesdosis Prosecco mit Orangensaft füllte ich in eine 1,5 Liter-Plastikflasche ab und verstaute sie, eingewickelt in eine Tüte, in meiner Umhängetasche. Sie fand ihren Stammplatz neben Kosmetikbeutel, Portemonnaie, Handy, Bonbontüten und einem Korkenzieher für Notfälle. Dabei kannte ich keine Rücksicht auf Verluste. Bei über drei Promille Blutalkohol beginnt die schwere, akute Alkoholvergiftung, die zum Tod durch Atemstillstand führen kann. In mir regierte die Vernichtung, wahnsinnig, manisch, zielgerichtet und in einer Schlagzahl, die nicht mehr zählte. Ich hatte Druck und betankte mit Druck. Hauptsache rein, wie viel war keine Rechnung. Jeder runtergespülte Schluck, ein Vergessen. Der Blick nach vorn, zum nächsten Schluck. Die Mission, der Nachschub. Abstellen, abstellen, alles. Aufrecht zu gehen, um nicht zu scheitern, das war vielleicht das einzige Ziel, das mich noch ein stückweit hielt.

 

Der Kreislauf der Sucht war zu einem Prozess geworden, der nur noch von der Droge selbst angetrieben wurde. Alkohol verkam zum Selbstzweck. Betrunken zu sein, war Horror. Den Stoff abzusetzen, war Vollhorror. Sobald mein Pegel unter ein bestimmtes Level gesunken war, beförderte die Sucht all jene Seiten zu Tage, die ich niemals hatte haben wollen, und das mit einer Vehemenz, die das Leben unerträglich machte. Genau das, was ich einst mit dem Stoff hatte bekämpfen wollen, brach sich in voller Wucht Bahn. Aus Trost wurde Schmerz. Aus Glück Ekel. Aus Entspannung Hypernervosität. Aus Angst die Panik. So viel ich nachschenkte, es wirkte nicht. Es drängte nur die negativen Effekte zurück.

 

Ich irrlichterte im Stadium der Schwerstsüchtigen. Wird die Droge in dieser Phase abgesetzt, reagiert der Körper mit einem unmenschlichen Verlangen. Das Craving war kein einfaches Begehren mehr. Es war auch kein gesteigertes Verlangen. Es war eine Gier, die dem Hunger eines verhungernden Menschen gleichkommt, wie es Forscher des Nationalen Instituts für Alkoholmissbrauch und Alkoholismus (National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, NIAAA) beschreiben. Es werden die gleichen Hormone freigesetzt, die gleichen Gehirnregionen aktiviert. Das Gehirn stuft Alkohol als lebensnotwendig ein. Der Trinker glaubt zu ertrinken, wenn er nicht trinken darf. Entsprechend verteidigte ich meine Droge, als hinge mein Leben von ihr ab. Mediziner umreißen diesen Zustand als „unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums.“ (1)

 

Kaum einer hat diese rasende Gier so eindringlich skizziert wie der Liedermacher Konstantin Wecker, der kokainsüchtig war: „Welches Entsetzen, wenn nur noch ein paar Gramm im Haus waren. Wände wurden aufgeschlagen, hinter denen ich Depots vermutete, Möbel zerfetzt in der Hoffnung, Reste zu finden. Wie unwürdig, wie sehr ekelte ich mich vor mir selbst.“ (2)

(1) Klaus Wanke in: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Süchtiges Verhalten, 2985, Seite 20

(2) Konstantin Wecker in: Spiegel, 15.06.1998, Ich liebte meinen Dealer