Fern der Sinne

Es war eine ungebremste Schnellfahrt vor die Wand, der komplette Ruin meiner selbst. Das Leben, in dem Alkohol zum Gradmesser für Entscheidungen geworden war, gipfelte in seiner Destruktivität. Mein Gehirn war so umprogrammiert, dass alles andere zu warten hatte, aber trotzdem erfüllt werden wollte. Ich stromerte durch den Alltag wie ein Mutant. Während der Arbeit lutschte ich Dutzende Orangen- und Zitronenbonbons, hatte stets Kaugummi parat und stoppte das Atmen, sobald jemand neben mir stand, als könnte ich so den Geruch mindern, der aus meinen Poren quoll. Nach vielen Jahren des Konsums hatte mich der Alkohol sediert. Er wirkte jetzt so, wie ich mir die Wirkung eines mittelschweren Gifts vorstelle, nach dessen Einnahme man nicht direkt, sondern schleichend verstirbt. Er dämpfte. Er lähmte den Kopf. Er retardierte die Aktion. Er lullte ein. Er stumpfte ab und machte verrückt. Ich bewegte mich in einer Art Glocke, durch die ich die Außenwelt leicht entfernt wahrnahm. Der Kopf lag in einer Betäubung, die Stirnregion waberte irgendwo oberhalb meines Gesichts, abgetrennt und doch verbunden, aber irgendwie falsch, als bestünde der Kopf aus zwei Hälften. Ich fühlte mich wie verschnupft, die Stimme war kratzig und der Schädel verwattet wie nach der Einnahme von zu viel Erkältungssaft. Dazu war ich fürchterlich schreckhaft. Ich wähnte mich nicht verfolgt, aber fortwährend beobachtet.

 

Meine Trink-Stimmen waren zu einem ständigen Begleiter geworden. Wo kaufe ich heute ein? Habe ich einen Abendtermin? Sage ich ihn ab? Gehe ich hin? Wenn ja, gibt es Alkohol? Wenn nein, dann packe eine Flasche ein. Wie verstecke ich die Flasche vor anderen? Gleich ist Konferenz. Rieche ich? Welchen Text wollte ich noch fertig schreiben? Sind ausreichend Vorräte im Haus? Muss ich nachbunkern?

 

Beim Einkaufen folgte ich Ritualen. 12 Flaschen Prosecco waren die Basis-Ration, die für drei Tage reichte. War dieser Vorrat in meinem Küchenschrank verstaut, organisierte ich in einem anderen Markt zusätzlich Wein, manchmal Wodka. Dabei bedachte ich immer, wo ich zuletzt welche Spirituosen in welchen Mengen besorgt hatte. Niemals zweimal, besser keinmal suchte ich nacheinander den gleichen Supermarkt auf. War ich gestern beim Rewe, steuerte ich beim nächsten Mal den Aldi an, beim übernächsten Mal bevorzugte ich einen Edeka. Bei den größeren Einkäufen packte ich pro forma Obst und Gemüse in den Wagen. Der Anblick von Zwiebeln, Ananas, Gurken und Möhren auf dem Fließband reduzierte die Scham, wenn auch nur geringfügig. „Viel Spaß bei der Party“, wünschte mir eine Kassiererin.