Der Verfall



Im Sommer 2005 sollte ich mit einer Kollegin nach London fliegen, um eine Kriminalautorin zu interviewen. Für mich ein Koordinationsproblem. Wann sind wir zurück?  Wie komme ich zum Flughafen? Kann ich einen Vorrat einpacken? Wie überbrücke ich die Stunden ohne Reserve? Weil der Start früh gebucht war, schlief ich bei Freunden, die in der Nähe des Flughafens wohnten. Mein Wecker klingelte um fünf Uhr in der Früh, die Nacht hatten wir bis zwei Uhr in der Küche gesessen, gegessen und getrunken, und während ich mich im Badezimmer fertigmachte, schüttete ich den ersten Piccolo nach. Die Kohlensäure trieb mir Tränen in die Augen, ich musste würgen. Ich packte meine Unterlagen zusammen und verabschiedete mich mit einem Zettel. „Es war schön bei Euch, danke und bis bald, Michaela.“ Ich stieg in ein Taxi, lutschte Zitronenbonbons und leerte vor dem Abflug einen weiteren Piccolo auf der Flughafentoilette. 

 

Über den Wolken war ich in ständiger Sorge, dass meine Kollegin etwas riechen könnte. Ich bestellte Tomatensaft und vernichtete päckchenweise Kaugummi. Mir wurde schlecht. Als wir am frühen Nachmittag den Vorort in London erreicht hatten, war ich bleich und leicht verkatert. Eine Haushälterin in Spitzenschürze öffnete die Tür des kleinen viktorianischen Herrenhauses und führte uns ins Wohnzimmer, das den Blick auf einen wild bewachsenen Garten freigab. Die Haushälterin servierte uns frisch gebrühten Tee und Gebäck, während eine entzückende P.D.James von ihrem bewegten Leben als Schriftstellerin und Frauenrechtlerin berichtete. Ich schämte ich mich in Grund und Boden, rang um Anschlussfragen und bemühte mich um einen Fokus, den ich kaum finden konnte, weil im Hinterkopf die Trinkstimme brüllte, wo um alles in der Welt ich in den nächsten Stunden etwas zu trinken auftreiben könnte. WO? UND WANN?