Versäumt zu er-wachsen

Mein Lächeln mochte zuvorkommend sein und nett. Aber es repräsentierte sich nicht. Es verschluckte die Integrität, die Authentizität und meine Identität. Es wehrte ab und nahm dem Lebensspiel an Varianz, an Farbe, an Energie und krachender Lust. Um zu erwachsen, hätte ich das Gegenteilige benötigt. Ich hätte Reibung, Auseinandersetzung und Konfrontation gebraucht. Ich hätte Sichtweisen ausleben müssen, um zu eigenen Meinungen zu gelangen. Ich hätte mich erfinden müssen, um mich als Person zu finden. Ich hätte meine Wünsche und Bedürfnisse zulassen müssen, um visionär zu denken statt erfüllend zu befolgen.

 

Wollte ich über den Alkohol Selbstwirksamkeit erlangen, das Gefühl, auf äußere Umstände und auf mich Einfluss zu nehmen, so entwickelte sich die Realität gegenläufig. Genau aus der Begehrlichkeit heraus, mutiger und selbstbewusster zu sein, hatte ich begonnen zu trinken. Und je überfordernder die Anspruchswelt für mich wurde, umso konsequenter duckte ich mich weg. Tagsüber überspielte ich den Druck. Nachts spülte ich ihn weg. Das war Vermeidung im Quadrat. Das war Stagnation. Das war Regression. (Anm.: Regression = Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe in der Persönlichkeitsentwicklung mit einfacheren, primitiveren Reaktionen und in der Regel auch niedrigerem Anspruchsniveau.) Ich war mein ausführendes Organ, fremdgesteuert vom Alkohol, aber auch fremdgesteuert von mir, weil ich hinter der lächelnden Maskerade unterging, die ich verkörperte. „Als ob“ war ich ohne Background. Ich war mir kein innerer Halt. Ich war mir kein verlässlicher Partner, und wo ich mich selbst nicht stützen konnte, haperte es an den wichtigsten Komponenten, die ich für ein selbstbestimmtes Leben benötigt hätte. Ich war bar von Selbst- und Urvertrauen. Ich verließ mich nicht auf mich, ich verließ mich nicht auf andere, ich verließ mich nicht auf das Leben, und so blieb am Ende wenig übrig, auf den, die oder das ich mich verlassen konnte. Außer oh Du mein Freund, der Alkohol. 

 

Das ist die Bilanz meines abhängigen Werdegangs. Ich machte zwar weiter, aber ich kam nie über die Entwicklungsstufe hinaus, auf der ich mich zu Beginn meiner Problemverlagerung angehalten hatte. Ich repetierte meine Hilflosigkeit und verschlimmerte den Bruch zwischen Innerem und Äußerem mit jedem Tag, an dem ich meiner Angst ohnmächtig erlag. Je vehementer ich das, was ich an mir hasste, einzwängen und abtöten wollte, umso mehr stagnierte ich in meinem unfertigen Kern, von dem ich mich gleichsam abschnitt. Ich verlor den Bezug zu mir. Ich unterbrach den Kontakt zu mir, und um die Konnektivität wiederherzustellen, hätte ich mich aus meiner kranken Struktur herausnehmen müssen. So lange ich die Aussöhnung mit mir verwehrte, verharrte ich in der Spaltung, und diese Entzweiung wusste um die einzige Konsequenz, dass die Schere zwischen Wunsch und Wirklichkeit immer weiter auseinanderklaffte. Erwachsener wurde ich nicht. Ich erreichte nur, dass ich mich zielsicher von mir selbst entfremdete.

- Ende Phase Eins - 

Sucht hält die Entwicklung ab einem Zeitpunkt X in einem Stadium Y auf. Dies kann die Folge der Abhängigkeit sein: Die Krankheit lässt keinen Platz für die Lebensaufgabe zu. Oder: Die Sucht dient dazu, die anstehende Lebensaufgabe zu vermeiden. (Angelehnt an: Professor Doktor Harald Rau und Doktor med. Cornelia Dehner-Rau: Raus aus der Suchtfalle. Trias Verlag 2009, Seite 43)



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