Drang nach Bestätigung

Da war der wunde Punkt. Da war die Sucht an ihrem Grund. Ich liebte mich nicht - und wollte deshalb umso dringlicher geliebt sein. Jede Sucht ernährt sich über einen Mangel, und mein Mangel war ein Minderwert, dessen nagenden Unterwert ich nie auf ein gesundes Maß hochgelevelt bekam. Ich schenkte mir keine Achtung, keinen Respekt, kein Lob und kein Wohlwollen, und so lange wie dem so war, holte ich mir die Zuneigung, die ich mir nicht spendieren konnte, von anders her. Ich lagerte mein Problem aus, ich kanalisierte in Flasche und Umwelt, stets auf der Suche nach dem Ersatz. Ich missbrauchte den Alkohol, weil ich mich trunken mögen konnte. Ich rang nach Bestätigung, weil die mich kurzfristig mit dem Selbstwert belohnte, den ich mir kontinuierlich entzog. Mir Lob zu verwehren, hätte eine ähnliche Erschütterung evoziert wie mir die Flasche zu entreißen, und so gewichtete ich ein Anliegen vor alle anderen: bloß nicht in meinem Makel enttarnt zu sein. Hätte mich jemand gesehen wie ich wirklich war, so die Logik meiner Gedanken-Konstrukte, er hätte mich niemals lieben können. Das war meine allerinnigste Angst: Ich fürchtete, dass mich jemand in meinem Ungenügend entblößte und deshalb von sich stieß. Du bist zu wenig. Geh weg. Du bist blöd. 

 

Jede Herausforderung mündete im stets gleichen Vermeidungsprinzip, mir selbst prognostizierte Ablehnung darüber zu vereiteln, dass ich mich kritischen Situationen gar nicht erst stellte. Alles, was ich mir nicht zutraute, und das war nach wie vor viel, blieb außen vor. Ich hätte mich fortbilden können. Ich hätte Bildprogramme lernen können. Ich hätte das Ressort wechseln können. Ich hätte ein Auslandsjahr einplanen können. Ich hätte mich sozialen Projekten widmen können. Ich hätte eine Auszeit nehmen können. Ich hätte reisen und meinen Horizont erweitern können. Ich hätte in Konferenzen meine Meinung sagen können. Ich hätte sein können. Ich wäre gern gewesen. Aber ich wagte es nie zu sein. Mein Minderwert forcierte ein Dasein im Konjunktiv, weil alles, was den Freigeist kitzelte, im nächsten Atemzug die Beklemmung im Keim erstickte. Ich arretierte als Beschnitt der Entfaltung, gezügelt von meinen pessimistischen Voraussichten, für die ich keinen Lösungsschlüssel parat hielt, außer jenen, die Demaskierung auf infantile Weise zu verhindern. 

 

Egal was kam, ich lächelte es weg. Ich lächelte in Konferenzen, bei der Freizeitplanung, in Beziehungen, bei der Abgabe von Artikeln, zum Frühstück und zum Abendbrot, ich lächelte, sobald ich nicht allein war, sondern ab zwei Personen aufwärts. Es war nicht von Belang, ob ich traurig, hilflos, wütend oder ängstlich war, denn die wahre Emotion hätte Reaktionen wecken können, die ich unfähig zu handeln war. Ich eckte nicht an, ich war freundlich, sozial kompatibel und zuverlässig in meinem abgesteckten Refugium, dem Ja, und in diesem Wörtchen bündelte sich alles Übernommene, das Normative und Angepasste, welches die Neugierde konterkarierte und meine Entwicklung hemmte.