Selbsthass

Die Zeit war danach getaktet, alsbald wieder in die geliebte Nacht-Rolle zu schlüpfen, und sicherlich war es abträglich gewesen, dass mir die Trunkenheit allabendlich vermittelt hatte, wie leicht ich eine andere Person sein konnte. Es klaffte eine enorme Diskrepanz zwischen der Michaela bei Nacht und der Michaela bei Tag, und die Wechsel waren zu abrupt und zu häufig, als dass ich meinen Tag-Ich ich eine veritable Chance eingeräumt hätte. Es konkurrierten zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher kaum sein konnten, und welche ich favorisierte, war keine Frage. Ich liebte die Nacht und hasste den Tag. Ich liebte die Selbstvergessenheit und hasste die Schwere. Ich liebte die Stärke und verfemte das Schwache. Ich liebte den Rausch und hasste mich. Hätte ich einen Wunsch frei gehabt, ich hätte so viele trunkene Seiten als möglich in den Tag hinübergerettet. Das war der Kampf der Lager, den ich niemals gewinnen konnte: Ich hatte mich der fiktionalen Seite zu- und von mir abgewandt. Ich negierte mich. Und befreundete mich mit dem alkoholischen Feind. Nach seinen Charakterutopien war ich süchtig, lange bevor die körperlichen Wehen einsetzen, und um nicht blindlings in mein Unglück hineinzuschlittern, hätte ich meinen kranken Traum als solchen identifizieren und verabschieden müssen, nüchtern die Person sein zu wollen, die ich trunken war.

 

Doch statt mir helfen zu lassen, statt meine Gefühle zu ergründen und einen Umgang mit ihnen zu finden, statt mich anzunehmen und lieben zu lernen wie ich war, lief ich einem fiktional erdachten Schein-Ich hinterher und wand mich Tag für Tag in anstrengende Maskeraden hinein, die nichts mit meiner Persönlichkeit zu tun hatten und die mich noch mehr überforderten als ich es ohnedies war. Denn woher Kompetenzen nehmen, die nicht in mir sind? Wie stark sein, wo man sich schwach und minderwertig fühlt? Wie Konflikte lösen, die man scheut wie das Weihwasser? Gar nicht. Ich wurde ja keinen Millimeter mutiger oder stärker, weil mir der Alkohol das des nächstens einflüsterte zu sein. Ich konnte mich nach anderen Wesenszügen sehnen. Aber ich hatte sie nicht. Ich konnte gegen meine Gefühle ankämpfen und sie unterdrücken. Aber sie waren trotzdem da. Ich konnte mich abstrampeln im Bemühen, selbstbewusst und souverän zu sein. Aber ich war es nicht. Im Kern blieb ich ich, ein braves, konfliktscheues Mädchen, zerfressen von Minderwertigkeitskomplexen, die in mir nagten und mir soufflierten, nicht gut genug zu sein wie ich bin. Du reichst nicht. Du schaffst es nicht. Du bist ungenügend.