Schauspiel

Ich trank ja nicht, weil ich trank. Ich trank, um empfundene Defizite auszuschalten. Während ich mich in mein Paralleluniversum verstieg, war ich zeitlos darum bemüht, einen Puffer zwischen mich und das Faktische zu schieben. Mein Konsum war ein hilfloses Bemühen, Konflikte zu verdrängen, von denen ich annahm, sie nicht bewältigen zu können, Emotionen zu ignorieren, die mir ein Dorn im Auge waren, Gespräche zu umschiffen, die mit einer Furcht besetzt waren. Meine Flucht in den Rausch war die passive Form zu sagen, hey, Welt, ich komme nicht klar in Dir, ohne zu hinterfragen das Warum. Die Antwort kapselte ich ein hinter Schutzmauern und hätte ich den Mut besessen, die Wälle einzureißen, so hätte ich gesagt, ich packe das nicht. Ich bin gnadenlos überfordert. Ich werde die Angst nicht los. Wo kommt die eigentlich her? Davon war ich mit 24 Jahren, ich hatte gerade meine erste Stelle bei einer Zeitung angetreten, meilenweit entfernt. Ich wollte souverän sein. Ich wollte den Anforderungen genügen, die ich mir zum Ideal erklärt hatte. Schüchternheit und Überbelastung zählten für mich nicht dazu, und so blendete ich aus, was (noch) nicht passen wollte.

 

Ich kam nicht mit. Aber ich tat als ob. Als ob mir leicht von der Hand ginge, was mir schwer fiel. Als ob die Bedingungen, die mein Leben ausmachten, fixiert wären, unfähig, daran etwas zu verändern, blind hoffend, dass sich der innere Druck wie von selbst entkesselte. Fortzuschreiten glich einem Diktat, von dem ich nicht wusste, wer es mir auferlegt hatte. Mein Anspruch, ein leerer. Ich erledigte meine Aufgaben, doch ich konnte sie mit keiner Freude anreichern. Den Bildschirm und mich trennte eine unangenehme Distanz, denn ich trug nie den sicheren Glauben in mir, mein Wirken beruhte auf Können. Jede Aufgabe war begleitetet von der Furcht, diesmal ginge es schief, diesmal lieferte ich eine heillose Katastrophe ab, wenn nicht ein leeres Blatt. Je massiver mich dieser Gedanke umtrieb, umso schneller arbeitete ich, gehetzt vom Ziel, endlich die Angst abzuschütteln zu können. Es war, als ränge die Inkompetenz mit der Perfektion um einen Sieg und konträr wie sie waren, spornten sie sich gegenseitig an. Jeder Anspruch verwandelte sich in einen Wettlauf mit der Zeit, in eine Suche nach der Bestätigung, dass es ein weiteres Mal gut gegangen war. Gereicht hat es nie. Der Zweifel blieb elementarer Bestandteil jedes Tuns. Nach außen sah es so aus, als ob ich es mühelos konnte. Nach innen zerschellte ich jedes Mal an meinen Aufgaben. Abzubrechen glich einem Verbot. Ich setzte es mit Scheitern gleich. 

 

Wieso ich so agierte, das verstand ich nie, zumindest nicht zu jener Zeit. Hätte ich angehalten, wäre ich stehengeblieben, ich hätte mich gesehen. Eine Person, die mit aller Gewalt versuchte, das Kleine, das Nagende niederzuringen. Die nichtsahnend einen höchstpersönlichen Kleinkrieg führte, auf dass das Größere das Kleinere bezwänge, und die sich dafür der kindlich-naiven Mittel bediente, die ihr zur Verfügung standen. Die einteilte in das Schlecht des Tages und das Gut der Nacht. Die sich den Druck des erwachsenen Seins kleinredete, indem sie die Definitionen verkehrte. Die den Rausch nicht als Auszeit vom Alltag definierte, sondern den Alltag als Überbrückungszeit bis zum nächsten Rausch, und die es darüber schaffen wollte, das Spannungsfeld zu begrenzen, weil es niemals länger währen musste als 12 Stunden.