Selbstlüge

Hätte ich auf meinen Körper gehört, ich hätte gespürt, wie dumpf der Aufprall am Morgen war, wie Grell das Helle, in das ich mich zurückfügen sollte. Dass ich mich fürchtete vor einem Alltag, der mir eine Spur zu schnell war, zu laut und in dem ich vagabundierte, irgendwie falsch, aber unwissend, wieso. Die Wirklichkeit lief meinen Selbstlüge diametral entgegen. Sie holte mich dort ab, wo ich am Abend vorher den Ballast zurückgelassen hatte, und hätte ich ehrlich hingeschaut, ich hätte bemerkt, dass sich dieser Ballast mit jedem Morgen ein wenig schwerer anfühlte, aber eben nur ein kleines bisschen, zu geringfügig, um es im Tages-Moment zu realisieren. Es war die Summe der kleinen Teilchen, die Wochen und Monate, die quittierten, um wie viel schaler die Realität mit jedem weiteren Trink-Tag wurde. Meine Übelkeit war kein Kater, von denen ich wenige hatte. Sie war ein genereller Kater, der sich über Tag nicht verzeitigen wollte. Sie war ein Kater, der mein Leben war. Ich schob ihn auf einzelne Umstände. 

 

Früher war es die eine Klausur, vor der ich Bedenken hatte. Jetzt war es dieser eine Artikel, den ich fertig texten sollte und der mich beunruhigte. Doch ich hinterfragte nie etwas in Gänze, ein Studium etwa, das nicht das meine war. Einen Beruf, der vielleicht nicht zu mir passte. Eine negative Grundstimmung, die mich zu oft begleitete. Ich zweifelte niemals in Größe, denn hätte ich, ich hätte mir eingestanden, wie fehl ich lief. Dass der Tag eine Bedrückung war, durch die ich mich hindurchquälte, mit dem obersten Ziel, die Stunden bis zum Abend zu überbrücken und bis dahin so wenig Fehler als möglich zu begehen. Ich hätte meine Nervosität mit Argwohn beäugt, die sich in mir regte, sollte mir der abendliche Ausgleich verwehrt bleiben. Ich weiß, wie ich SMS um SMS tippte, um Verabredungen rückgängig zu machen, während derer ich nicht trinken konnte. Dass ich Ausreden erfand für Orte, die keinen oder zu wenig Alkohol versprachen. Kino belegte ich mit dem Satz, ich stünde nicht so sehr auf Filme. Schwimmen sei schwierig, weil ich angeblich unter einer Chlor-Allergie litt. Museen mochte ich an sich schon, doch am heutigen Abend nicht, der Tag sei anstrengend gewesen. Vielleicht ein anderes Mal. Ich hielt es tagsüber ohne Alkohol aus, aber die Option, abends trinken zu können, trug maßgeblich dazu bei. 

 

So rigoros hätte ich das damals natürlich nie bewertet. Mein Problem war heute. Heute war ein Druck groß. Heute war etwas strapaziös. Heute hatte ich viel geleistet. Deshalb verdiente ich mir HEUTE nochmal eine Belohnung. Das war das süchtige Ober-Wort: HEUTE. Und ja, ich glaubte es mir. Bedingt, sicherlich. Aber ich musste es mir glauben machen, weil ich sonst ganz nah bei mir – und damit bei dem Eingeständnis gewesen wäre, dass ich hinter meinem Konsumverhalten das weit größere Problem deckelte.