ErKaufte Gefühle

Mit ihm konnte ich alles sein, was ich sein wollte. Als Teenager cool. Als Erwachsene souverän. In der Nacht eine Königin. Ich liebte es, dass er mich verwandelte, von einer schüchternen Person in eine Person, die schlagfertig war, wagemutig, lustig und experimentell. Mein dringlichster Wunsch an ihn war, mach' mich locker, mach' mich frei. Diesem Alleskönner wollte ich keine zerstörerische Fähigkeit zuschreiben. Dafür war seine Verführungskunst zu zauberhaft. Dafür lagen die Konsequenzen meines Tuns zu weit weg, als dass ich sie hätte hergeben mögen, diese Stunden, in denen wir die scheinbar perfekte Freundschaft schlossen, der Alkohol und ich, weil ich von ihm alles bekam, was ich mir erhoffte. Watteweichen Zuspruch, Sorglosigkeit, auf Knopfdruck, schnell, still, stumm.

 

Ich erinnere keinen Abend während meines Studiums, an dem ich verzichtet hätte. Ich trank in der Kneipe, in Bars, in der WG, vor dem Fernseher, in der Disko, beim Fußballspiel, auf der Sommerwiese. Wir feierten im Kollektiv, und Alkohol zählte für mich wie selbstverständlich dazu. Meine Welt war vollkommen zu diesen Abenden, an denen sich jedes schön in ein noch schöner potenzierte, in denen sich jedes Gefühl intensivierte, weil es durch den ganzen Körper strömte und so tat, als wollte es dort für immer verweilen. Ich wollte glücklich sein, ich wollte schweben, und wie leicht ließ sich die Erhabenheit mittels Rausch herbeiführen. Mein Substrat war in der Lage, jedes Gefühl auszuschalten, das mich blockierte und jene Stärke zu wecken, nach der ich mich sehnte. Alkohol öffnete das Tor zur Kraft, und in den getunten King-Size Gefühlen schien es, als läge die Imagination zum Greifen nah, als könnte es gleich morgen so weit sein und aus jedem Wunsch die Wirklichkeit entspringen. Mein Leben konnte viele Drehungen und Wendungen nehmen, in Gedanken, und hätte ich die Welt anhalten können, ich hätte viele Momente gefunden, in denen ich das wollte; trunken. 

 

Der Rausch baute eine Lebenslüge; erst ganz klein, dann immer größer. Zuerst aber verkaufte er mir ein mächtiges Versprechen als fälschliche Wahrheit. Alles werde gut. zwischen diesen Glauben und mich passte kein Millimeter Einspruch. Jetzt nicht, morgen nicht, nimmermehr.

 

Viele meiner Freunde haben irgendwann aufgehört, regelmäßig und viel zu trinken. Sie haben den Konsum reduziert, als sie ihr Studium beendeten, als sie den ersten Job antraten, als sie eine Familie gründeten. Ein bisschen, als gäbe es einen Lebensabschnitt, zu dem sie sagten, so, jetzt ist die verlängerte Jugend vorbei. Es ist an der Zeit, endgültig erwachsen zu werden. Den Wein verzehren wir nur noch in gemäßigten Dosen. Auch ich hatte einmal durchaus realistische Pläne, wie mein Leben weiter verlaufen solle. Ganz klassisch kam in meiner Zukunft  ein Mann vor, ein Haus und ein Job, der mich sicherlich mit Freude erfüllte. Paletten leerer Flaschen stapelte ich unter meiner Spüle nicht.

 

Ich zeichnete so, dass sich alles fügen würde, irgendwo, irgendwie, irgendwann. Perfekt, konfliktfrei, so hatte ich mir mein Leben erträumt und mich in das märchenhafte Bild verstiegen, als fiele das Glück vom Himmel, als käme es von seitwärts her geflogen oder auf einem Pferd geritten, egal woher, Hauptsache es wäre da und währte möglichst ewiglich. Und bei allem war ich mir sicher, wenn sich erst dieses Scheue verflüchtigte, dann wäre sie weg, die Angst vor der Angst, Angst haben zu können. Es machte puff, und jede Bedrückung entschwände im Off. Sicherlich müsste ich nur älter werden. Ich deklarierte alles zu einer Frage der Zeit, und ich glaube, so betrachtete ich auch den Alkohol. Als ein Phasen-Produkt, das ich nutzen könnte, wie ich es wollte, und wenn ich es nicht mehr brauchte, dann stellte ich es zurück ins Regal.