Wie verschwindet ein Mensch?



Phase Eins: Die psychische Abhängigkeit

Ich trank, weil ich ängstlich war. Nur deshalb, aus keinem tieferen Grund, aus keinem traumatischen Motiv heraus. Verkürzt ist meine Geschichte schlicht die, dass ich mich fehl fühlte. Egal, mit wem ich war, egal wo ich war, alles erschien mir eine Nummer zu groß. Ein bisschen, als wäre mein Körper zu schnell gewachsen für die Person, die in ihm steckte. Als hätte irgendjemand zu einem Zeitpunkt beschlossen, so, das war es jetzt. Äußerlich wirst Du zwar älter, aber innerlich bleibst Du stehen. Ich war brav. Diese Eigenschaft beschrieb mich am besten, und genau diese Eigenschaft hasste ich an mir. Mir fiele alles zu, diesen Satz hörte ich oft, und auf seine Art stimmte er sogar, wenn gute Noten ein Indikator für Zufallen sind. Ich lief mit, unauffällig, problemfrei – äußerlich. Doch in mir regte sich eine Art Dauer-Lampenfieber, das mich vermeiden ließ, wovor ich Angst hatte, und das war viel. 

 

Ich wusste nicht umzugehen mit dieser verhuschten Seite in mir, dem Sensibelchen, das bei der leisesten Form von Kritik strauchelte, das unfähig war, vor größeren Gruppen zu sprechen. Es fühlte sich nicht nach einer einfachen Schüchternheit an, die mich blockierte. Es war etwas Mächtiges, das in mir krampfte, ob dessen ich mich wegwünschte, egal wohin, Hauptsache fort. Ich war nicht depressiv. Ich bewegte mich auch nicht fortwährend traurig durch mein Leben. Aber mir fehlten die Unbeschwertheit, der Mut und die Zuversicht. Ich ließ nie ganz los, irgendetwas sperrte sich in meinem Kopf, als traute ich dem freien Fall nicht. Unbekanntes scannte ich aus sicherer Distanz, und hinein sprang ich nie in eine Situation, die mir riskant erschien. Ich drehte um und ließ es sein. Ich habe es verflucht, dieses Schüchterne, weil es mich in seiner Stille dominierte und begrenzte. Ich beneidete jeden, der laut sein konnte, der seine Meinung sagte, der das Leben rockte. Ich konnte das nicht. Mit Alkohol konnte ich das sehr wohl.