Innen kaputt, außen okay

Und es war dieser Kreisel, in dem ich trank und lief und lief und trank. Ich wurde wach, überdauerte meine acht bis zehn Stunden, um in der Einsamkeit zu versinken, benommen ins Bett zu kippen, aufzuwachen, meine acht bis zehn Stunden zu durchwirken, um auf den Abend hinzufiebern, der mich neuerlich vom Druck erlöste. Der Behelf, ein Repetitorium. Der Hirnforscher Gerald Hüther schreibt: „Personen, die solche einfachen einseitigen Lösungen gefunden haben, halten ihre einmal entwickelten Strategien für allgemeingültiger als sie in Wirklichkeit sind, und neigen dazu, neue Herausforderungen immer wieder mit den alten, gebahnten Strategien bewältigen zu wollen. Menschen, bei denen solche Autobahnen im Hirn entstanden sind, werden in ihren Haltungen immer rigider, verlieren zunehmend an Flexibilität und stehen sich immer stärker selbst im Wege, wenn es darum geht, nach neuen Lösungen zu suchen. Und wenn sie irgendwann endlich bemerken, wie brüchig das Fundament geworden ist, auf dem sie stehen, ist es nicht selten bereits zu spät. Dann wird die Angst und die damit einhergehende Stressreaktion immer weniger kontrollierbar.“ (1) Hüther referiert diese Sätze zwar nicht im Kontext zur Sucht. Doch so ähnlich blieb mein Gehirn dem gesunden dann doch, als dass sich die Worte auf meine Gedankengänge transferieren lassen. In meinem Kopf sah es nur noch verworrener aus, weil sich etliche suchtbegleitende Zwänge hinzuaddiert hatten.

 

Die Starre und die gewählte Isolation, die mit dem Trinken einhergehen, verwundern mich heute nicht mehr. Und gleichwohl erschreckt es mich, wie lange mich mein Rollenspiel getragen hat. Wenn ich die vorherigen Seiten Revue passieren lasse und mich nicht kennen würde, ich verortete mich langsam in das Bild der klischeehaft transportierten Abhängigen, die glasigen Blickes vor sich hinvegetierte, kaum eines Geistesblitzes mächtig. Doch streiche ich all die Momente des Versteckens hinaus, und auch den Fakt, dass ich sicherlich roch, lieferte ich wenig Anzeichen für meine Erkrankung. Das funktionalisierte Leben war wie ein trotziger Amboss. Bis zum Schluss, bis zu jenem letzten Jahr, in dem alles bröckelig wurde, ging ich meiner Arbeit nach. Äußerlich wirkte ich, zumindest oberflächlich betrachtet, kompetent, zuverlässig und stets am rechten, ich nehme sogar an am richtigen Platz. Ich schrieb Texte unter meinem Namen, ohne zu wissen, wer ich war. Ich war anwesend in Konferenzen, recherchierte Geschichten und besuchte Termine, ich unterhielt mich mit mir bekannten und unbekannten Menschen, ohne ansatzweise zu signalisieren, wie brüchig mein Innerstes war. 

 

Jahre lang brachte mich mein funktionalisiertes Handeln durch den Tag. Ich schraubte mich hoch auf 4,2 Promille. Aber ich war zuverlässig und ich lächelte, und ich nehme an, dass diese Maskerade meine Abhängigkeit ungemein verlängert hat. Bei größter Auffälligkeit verschwand ich hinter größtmöglicher Unauffälligkeit. Exakt die Eigenschaften, die Part meines Krankheitsbildes waren, die versuchte Unfehlbarkeit, die Akribie, das freundliche Gesicht, müssen den Eindruck erweckt haben, dass ich ungleich parat sei. Und natürlich kam mir das Schlupfloch gelegen, weil ich in dieser Ecke die Auseinandersetzung, ob ich zu viel tränke, weiterhin verblenden konnte. Wahrscheinlich saß ich allzu gern dem Irrglauben auf, wer fehlerfrei Buchstaben aneinanderreihen könne, könne so krank nicht sein. Vielleicht war ich gar nicht abhängig?

- Ende Phase Zwei -

(1) Gerald Hüther: Wer wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher, Verlag S. Fischer, 2011, Seite 75


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