Entrückte Übersprünge

Ich will die Ausschnitte nicht überbewerten, geschweige denn will ich sie hochstilisieren zu einer Todessehnsucht, von der ich vermute, dass da keine war. Die Songs höre ich heute noch, schlicht, weil ich sie mag und nicht, weil ich sterben möchte. Dennoch hatten sie damals eine andere Bedeutung und ein anderes Gewicht. Alkohol unterstützt und verstärkt immer die Tendenzen, die in einem sind, und die können sich leicht hochwinden zu einem überfrachteten Gedankengebäude, das bei einem falschen Touch kippen kann. Die Lebenserwartung eines Alkoholikers sinkt um 20 Jahre, und die Zahl führt nicht allein auf die 60 Folgeerkrankungen zurück, die den Alkoholismus begleiten. Sie korreliert auch mit einer Selbstmordgefahr, die um 50 Prozent steigt, wenn ich regelmäßig zu viel trinke. 

 

Ich glaube, dass ich mit einer Sache großes Glück gehabt habe; dann doch. Ich war still und introvertiert, und so tendierte ich auch betrunken weniger zum extrovertierten Übersprung. Meine Gedanken mochten verquarst sein, meine Promillewerte extrem grenzwertig, aber ansonsten hielt ich mich fern vom ausufernden Exzess. Experimentelle Partys, gemixte Drogenräusche, die wagemutige Aktion waren das meine nicht. Ich hatte viel zu viel Schiss. Manchmal kitzelte ich ein wenig darüber, doch dann brach ich ab und kehrte in den genormten Tag zurück. Mich befremden meine entrückten Ausschnitte aber auch so hinlänglich. Episoden, die ich am Folgemorgen soweit als möglich aus der Erinnerung tilgte, und die ich, wenn sich eine gewisse Besorgnis melden wollte, mit dem einfachen Satz wegwischte, dann sei es halt ein Ausrutscher gewesen. Fehltritte, zu denen ich mich frage, wollten sie mir etwas sagen, und wenn ja, was? 

 

Wie ich in mancher Nacht meinen Rucksack schulterte, ohne festes Ziel und eine Flasche im Gepäck, um auf einer der Rhein-Brücken anzustranden, auf der ich stand und stumpf ins Wasser stierte. Wie ich bei Morgengrauen weiter zog und in einem Kaffee einkehrte, um ein Herrengedeck zu ordern, während sich die anderen Gäste am Frühstücksbuffet bedienten. Wie ich mich an einem Sonntag auf den Stufen eines Treppenhauses wiederfand, nichtsahnend, wann und wie ich dort hingelangt war, meine Schlüssel neben mir, mit denen ich versucht haben musste, eine fremde Tür aufzuschließen und die nicht passen konnten, weil meine Wohnung auf der Straßenseite gegenüber lag. Oder wie ich, im rückgezogenen Extrem, in meiner Wohnung verblieb, während mein Stadtteil wegen eines Bombenfundes evakuiert wurde. Ich stellte mich stumm, drehte das Radio aus und hielt den Atem an, als die Feuerwehrmänner an meiner Tür klingelten, einmal, zweimal, dreimal. „Keiner mehr drin“, hallten ihre Stimmen durchs Treppenhaus. Die Haustür fiel ins Schloss. Ich legte mich hin und schlief ein. Am Abend blickte auf eine menschenleere Straße, die ruhig war wie sonst nur an einem Neujahrsmorgen. Ich fühlte mich merkwürdig wohl in dieser Welt ohne Lärm, ohne Anspruch und Schnelligkeit. In meinem Kopf zeichnete sich das Bild einer Geisterstadt, ich mittendrin, als letzte Verbliebene in einer ausgestorbenen Welt. Am nächsten Morgen duschte ich, putzte ausgiebig die Zähne und erschien bei der Arbeit.