Trauer zu Lebzeit

Nach mehreren Flaschen Wein hatte ich gegen zwei Uhr nachts sehr hohe Promillewerte erreicht, ohne sturztrunken zu sein. Ich weiß um diese Nächte und ihre dumpfe Sedierung. Sie waren alles andere als ein Hoch, aber sie waren ebenfalls ein Ziel, das mich, wenn auch nicht glücklich stimmte, in einem Vakuum hielt, in dem nichts schmerzte, in dem kein Anspruch existierte, in dem ich zerfloss im Nichts, das mir vertraut war. Auf ihre heruntergerockte Art ähnelten sie den Nächten von einst, der feiernden Blase, allein, dass mir die Freude verlustig gegangen war. 

 

Es war ein morbides Territorium, das ich betrat, aber ob ich dort mehr suchte als die Selbstvergessenheit und ein tristes Verständnis, ich denke nein. Trotzdem läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich bewusst auf die Texte der Lieder höre, die ich damals in Endlosschleife spielte. Falcos „Out Of The Dark“, in dem er den Pakt zwischen sich und dem Heroin besingt. „Ich bin bereit für die Ewigkeit ... Du bist schon ganz nah ... Muss ich denn sterben um zu leben ...“ Curt Cobain, der mit zerrissener Grunge-Stimme die Wut über die Wende seiner Vergangenheit herausschreit und beschwört „I don’t have a gun / no, don’t have a gun“, ein unplugged-Album wie ein Memorial, weil sich Cobain wenige Monate nach den Aufnahmen eine dreifache Dosis Heroin spritzte und sich mutmaßlich selbst erschoss. Schwerblütige Cave-Songs, in denen der Künstler von Dämonenaustreibungen raunt, versehen mit der doppelten Deutbarkeit, dass es sich bei den Dämonen um Heroin handeln könnte. Songs, in denen Herzen zerbrechen oder für immer gefrieren, die balancieren auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod und die die Angst vor dem Tod darüber bezwingen, dass sie ihn begrüßen. Die sich alle verzehren in der Frage, was erfüllender sei, sich dem Schmerz eines Daseins hinzugeben oder sich von ihm abzuwenden und den umgedrehten Weg einzuschlagen.

Wobei die Antwort meist gegeben ist. Der Tag ist die Parallelwelt, zu profan, zu grell, zu nüchtern, um sie zu lieben. Bei Nacht entwickeln Stimmungen eine eigene Dynamik, und wenn ich in ihnen versinken will, öffnet Alkohol neuerlich ein Tor. Diesmal nicht zum positiven Wunsch, sondern zur Melancholie, deren Sog einen hinabziehen kann ins tiefe Schwarz. Der Rückzugsraum ist nicht mehr versöhnlich zum eigenen Ego. Er feiert ein Leiden, das dessen Niedergang betrauert.