Warum habe ich nicht aufgehört?

Und logisch, klar, spätestens zu dieser Stelle hätte ich doch sagen müssen, genug ist genug. Es reicht! Was soll all das noch bringen? Warum habe ich die Umkehr verwehrt? Warum zog ich die Reißleine nicht? Was hatte ich mir schlimmer vorgestellt, als die dümpelnde Vegetation, die mir blieb? 

 

In mir hatte sich eine wachsend große Lebensangst eingenistet, die sich über alles andere erhob, über alle zentralnervösen Begleiterscheinungen, meine Mitmenschen, meine Person und die Selbstfürsorge zusammen. Ich scheute die Trennung vom Alkohol, weil sie beinhaltet hätte zurückzuspringen in eine Realität, die ich nicht kannte und gefühlt nicht konnte, und zwar umso weniger, je länger ich auf meinen Helfershelfer gebaut hatte. Hätte ich ihn verneint, ich hätte einer viel generellen Veränderung zugestimmt. Ich hätte bejaht, mich zu öffnen, Konflikte zu lösen, Verantwortung zu übernehmen, mich mit meiner Umwelt zu konfrontieren, verletzbar zu sein, bei mir zu sein und zu bleiben, mit Freude wie mit Trauer umzugehen, mit Erfolgen wie mit herben Verlusten. Das war für mich bedrohlich, weil ich mir mein innerer Halt nicht war. Ich mochte das Trinken verabscheuen. Aber den Alkohol habe ich dafür geliebt, dass er mich über die innere Unberührbarkeit und die Abgeschiedenheit von einer Realität fernhielt, in der ich mich zu verlieren glaubte. Die Furcht, ohne ihn zu sein, war keine einfache Angst wie das Grausen vor der Dunkelheit. Mich von ihm zu lösen, war auch keine Entscheidung wie nie wieder Schokolade zu essen. Der Abschied von ihm glich einem freien Fall ins Bodenlose, weil ich überhaupt nicht wusste, wer ich ohne ihn war. 

 

Und vielleicht war das der gefährlichste Brandbeschleuniger. Dass mich das hilflos zurückließ. Dass mich das frustrierte. Dass das Defizit, wahrhaft teilhaben und hoffnungsfroh empfinden zu können, in die düstere Umkehr umschlug, wenn ich das eine nicht haben kann, dann eben das andere. Das Desaströse ist kein schöner, kein erstrebenswerter Reiz. Aber jede Grenze ist ein Reiz, und wo das Positive fern liegt, und die Mitte nie besetzt war, ist viel Raum für das Negative. Für das Austesten des anderen Extrems.