Entzügig

Es ist der Widersinn dieser Symbiose, der sie leicht mit Unverständnis, wenn nicht mit Verachtung straft. Gesunde Beziehungen werden enger, weil sie an Vertrauen, Schönheit, Vielfalt und Tiefgang gewinnen. Abhängigkeit dreht die Logik um. Je mieser das Verhältnis ist, umso fester wird die Bindung. In der Phase, in der ich just laviere, war das Gefühls-Kino tot. Alkohol tröstete mich nicht. Er zauberte keine Hochs. Er machte mich weder fröhlicher noch glücklicher. Er laugte mich aus. Er raubte Kraft statt welche zu geben. Er brachte mich in Zugzwang und Erklärungsnot, und dennoch glaubte ich, ins Verderben zu stürzen, wenn er fort wäre. Hätte ich mich von ihm abgewendet, es hätte mich unbändig nervös gemacht.

 

Der subtile Drang nach Erleichterung schaltete sich jetzt immer häufiger dazwischen; während der Arbeit, während eines Spaziergangs, während eines Gesprächs, während Konferenzen, beim Blick auf die Uhr. Ich hatte meine Erinnerung soweit alkoholisch ausgebaut, dass wenige Orte frei von seiner Besetzung waren, und wenn nicht Orte, dann Emotionen und Konfliktsituationen. Nahezu jede Schwierigkeit, die mir in den vergangenen Jahren begegnet war, hatte ich mit Alkohol bewältigt, vermeintlich zwar, aber ich kannte es nicht anders. Hatte ich Stress, war ich angespannt, traurig oder überfordert,  sehnte ich mich ganz allgemein nach einem positiverem Zustand als dem Ist, schaltete sich mein konditionierter Glaube ein, wenn ich jetzt konsumiere, wird es mir besser gehen. Über meine fehlgelenkte Lernerfahrung bot sich mein Substrat regelmäßig an, einen Druck zu lindern.

 

Und der innere Druck nahm mit fortschreitender Abhängigkeit nicht ab, sondern zu. Der Erregungspegel stieg, es breitete sich eine fahrige Unruhe aus, die an der Konzentration nagte und die es ungleich mühsam machte, den Faden zu halten. Das Nervenkostüm zerfaserte, die Stimmung schwankte, ich war dünnhäutiger und ängstlicher als ohnedies, und ein hormonelles Gleichgewicht stellte sich erst ein, wenn das Bedürfnis nach Alkohol gestillt war. Denn auch dies bedeutete andauernder Missbrauch. Zu dem sinnlosen Versuch, das Glück erzwingen zu wollen, fügte sich ein zweiter Kampf. Es war der Drang, ein übererregtes Gehirn zu beruhigen, ein Hinterherlaufen nach Stille, nach Einklang im Kopf, nach Abnahme einer zehrenden Nervosität. 

Meine Botenstoff-Haushalte waren derart verschoben, dass die beruhigenden Transmitter fehlten. Mich begleitete jetzt eine innere Unruhe, die eine Entzugserscheinung war. Am Anfang spürte ich sie leicht. Doch sie wuchs sich aus zu einer getriebenen Rastlosigkeit, welche die Angst bis hin zur Panik beförderte. Das Verlangen schürte sich über ein sich selbst verstärkendes Motiv. Ich trank, um die Auswirkungen meines Konsums zu bekämpfen.