Verblendung im Quadrat

Das sage ich heute. Damals zeichnete ich in solchen Szenarien nicht, denn sie hätten für meine Erkrankung gesprochen. Ich räumte einem Zugeständnis seinen Platz ein, welches das Zuviel nicht negierte und zugleich die Abhängigkeit von sich wies. Ich tränke gerade zu viel, mit der Betonung auf gerade. Gerade bedrücke mich ein Problem, gerade sei es etwas stressig, gerade sei irgendwas von irgendwas, aber bald würde es anders. Dieser dünne Unterschied zwischen „gerade zu viel“ und „zu viel“ ließ mich schnurstracks weiterlaufen auf dem dünnen Eis. Und dennoch muss ich gewusst haben, dass ich die Flasche längst nicht einfach zurück platzieren konnte ins Regal. Dass sich meine Probleme keineswegs verflüchtigen würden und puff, von heute auf morgen wäre alles anders. So verblendet war die Verblendung nicht, als dass sie mein Unterbewusstsein komplett überzeugte. Wäre ich davon ausgegangen, gesund zu sein, ich hätte mir mein Versteckspiel erspart. 

 

Ich hätte keine Flaschenverstecke angelegt, wenn mein Freund am Wochenende bei mir war. Ich hätte mich nicht wegducken mögen, wenn der Sechser-Karton Prosecco auf dem Fließband schepperte. Ich hätte auch nicht verstohlen die Gurke danebengelegt, weil sie gesund aussah. Ich hätte meine leeren Flaschen nicht in der Dunkelheit entsorgt, sondern bei Tag. Ich hätte in Gesellschaft nicht die Luft angehalten, weil ich fürchtete, jemand könnte meine Fahne riechen. Ich hätte nicht sehnsüchtig auf Anlässe geschielt, während derer ich anstoßen konnte und die mich von der Last befreiten, dünstend am Rand zu stehen. Anstoßen, das entsinne ich gut, waren die leichtesten Momente, weil die Anspannung, die ich unter Menschen stets empfand, einfach wegsackte. Ich hätte mir all diese Nichts geschenkt und wäre ins Pro-Aktive gewechselt. Ich hätte mich ohne zwackendes Unbehagen hingestellt und gesagt, ja, bitteschön, ein Bier, das nehme ich, und später einen Magenbitter dazu. Ich wäre so frei gewesen. Ich war aber nicht frei. Sondern abhängig.

 

Und wahrscheinlich war es sogar noch doppelbödiger. Wahrscheinlich wies ich den Fakt, krank zu sein, umso heftiger von mir, je dominanter der Alkohol wurde. Weil es ein gewaltiges Eingeständnis war zuzugeben, dass er mich klein gekriegt hatte, zu klein, um mich aus eigener Kraft zu lösen. Es war tröstlicher, mir zu sagen, dass ich ihn morgen verlassen könne oder übermorgen oder überübermorgen, und dann auch nicht auf ewig, sondern mit der Aussicht auf ein Wiedersehen. Und während ich die Trennung nach hinten verschob, mutierte der Alkohol zu einem immer ekelhafteren Partner, als den ich ihn durchaus betrachten kann, weil er alle anderen Beziehungen ersetzte und untergrub. Egal was er mit mir anstellte, er war getragen von der passiven Hoffnung, dass ER es zum Guten wendete, dass ER die Zeit zurückdrehte auf Anfang, dass ER die Gefühle wiederbelebte, die er längst nicht mehr schenkte und die er verweigern sollte ewiglich, um mich schlussendlich in einen Morast aus Panik und zehrendem Versöhnungsdrang zu schupsen.