Trotzige Seele

Natürlich war es so reduziert nicht, wenn ich meine Fassade einbeziehe. Ich hatte einen Partner. Ich führte allerdings eine Fernbeziehung, und ich frage mich, ob auch deshalb, weil das Wochenende ein kommoder Freibrief zum Trinken war. Ich besuchte mal eine Ausstellung, ich fuhr in Urlaub, ich ging Essen, am Wochenende spazieren. Allerdings bin ich ahnungslos, ob ich tagsüber wirklich wahrhafte Momente hatte, Augenblicke, zu denen ich sagte, ja, dieses Leben ist schön. Ich freue mich aus tiefstem Herzen. Darauf, etwas zu unternehmen. Darauf, etwas zu erleben. Darauf, mein Patenkind wiederzusehen. Ich mag die Luft im Wald, das Rascheln des Herbstlaubs, ich liebe die Pizza in Italien oder das Wasser im Badesee. Wahrscheinlich mochte ich es schon, aber exakt so lange, wie ich wusste, dass mich am Abend mein Substrat erwartete.

 

Alkohol war der Fixstern, auf den sich alles zentrierte, und das Soziale drapierte ich um ihn herum. Ich konnte meinen Freunden zuhören, aber am besten, wenn wir gesichtslos über den Telefonhörer kommunizierten. Ich konnte berufliche Abendtermine zusagen, doch ich wählte die Veranstaltungen danach aus, ob ein Sekt auf dem Silbertablett gereicht wurde. Ich konnte Pressereisen antreten, allerdings ausschließlich in Länder, in denen Alkoholausschank erlaubt war. Ich konnte freundlich lächeln, bis zu einer Grenze, an der die Liebenswürdigkeit gefror. Ich weiß um einen Abend, an dem mein damaliger Partner auf dem Weg in ein Restaurant sagte, so, Schatz, heute trinken wir mal nichts. In diesem Moment verabschiedete sich mein angepasstes Ich. Griff jemand meine Alkoholiker-Seele an, war ich sehr wohl in der Lage, lautstark und bockig Einspruch zu erheben, weil sich in mir eine hochgradige Nervosität regte, weil es mir die Kehle zuschnürte und der Blutdruck in enorme Höhen schnellte.

 

Mir war alles egal, ob ich einen Streit vom Zaun brach, ob ich meinen Partner verletzen könnte, ob ich mich peinlich aufführte oder nicht. Ich wollte keine Kartoffeln, ich wollte kein Gemüse, ich wollte nicht chic aussehen, ich wollte gar nichts. Ich wollte trinken. Und wenn ich das nicht hätte dürfen, denn natürlich bestellte ich mir meinen Wein, ich hätte auf dem Absatz kehrtgemacht. Wohin, das war von sekundärer Bedeutung. Ich hätte die abgerockteste Kneipe aufgesucht. Ich wäre kilometerweit zu einer Tankstelle gejoggt. Ich hätte mich in ein Iglu nach Grönland gebeamt, Hauptsache, ein Eskimo servierte Bier und Korn.