Die Gewöhnung



Gefühlsverlust

Ich kenne keinen Tag, keinen Monat, auch kein genaues Jahr, in dem sich die Effekte des Alkohols ebenso schleichend in ihr Gegenteil verkehrten wie der Rausch als Glücksersatz in mein Leben getreten war. Beides vollzog sich ähnlich prozesshaft, ignorant weggedrückt, weil ich die Fakten nicht sehen wollte. Während ich die Nächte gefeiert hatte, hatte ich die Tage in einen fernen Nebel gelegt, und als die Euphorie sukzessive schwand, wurden die Abendstunden gleichsam trübe. Der einzige Ausschlag nach oben war, dass ich meine Substanz in immer höheren Dosen einsetzte, um den Gefühlsverlust aufzuhalten, was niemals funktioniert, weil der Körper ab dem Zeitpunkt der Gewöhnung gegenreguliert. Und analog wuchs die Angst, weil sich unbewusst der Gedanke dazwischen schob, wie viel eigentlich von meinem künstlichen Hoch abhing. Ab und an blitzte es auf, das beunruhigende Wissen, dass Alkohol ein Ersatz war, dass ich gar nicht so frei von ihm war, wie ich es mir indoktrinieren wollte zu sein. Um dann die Einsicht sofort wieder beiseite zu schieben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

 

Nüchtern betrachtet sah mein Leben jetzt so aus, dass der innerliche Rückzug den äußeren bedingte. Ich kapselte mich zunehmend ein und wähnte mich am sichersten, wenn ich allein war. Bereits beim Verlassen der Wohnung am Morgen zählte ich die Stunden, bis ich die Tür wieder aufschließen konnte. Ich war froh, wenn ich in meiner krankhaften Ruhe angekommen war, in Jogginghose auf mein Sofa plumpste, die Flasche Prosecco neben mir, um mich von den Drehungen und Wendungen der vorherigen Stunden zu „erholen“. Mich ausgehfertig zu machen, in den Spiegel zu gucken, mit der S-Bahn zu fahren, einfache Aktionen stellten unüberbrückbare Hürden dar. Erst einmal Zuhause, lief ich wieder und wieder über mein Vorhaben hinweg, diesmal das verabredete Treffen wirklich einzuhalten. Kurzfristig sagte ich ab. Das eine Mal schob ich eine Nachbarin vor, die mich spontan zum Essen eingeladen hätte. Ein anderes Mal hatte überraschend Besuch angeklingelt. Das nächste Mal war mir ein dringendes Telefonat entfallen, das ich für den Abend eingeplant hätte. Jedes vierte oder fünfte Mal nutzte ich die Ausrede, mir ginge es nicht so gut. Sie kam der Wahrheit am nächsten. Ich ließ nur den entscheidenden Nachsatz aus. Flasche auf, Fernsehen, Trinken bis zum Umfallen, Schlafen.