Veränderungen in der Psyche

Selbstwertprobleme



Lange habe ich mich gefragt, zu welcher Schwelle mein Konsumverhalten bedenklich, an welcher Stelle mir der Alkohol zum Feind geworden ist. Heute datiere ich die Zeit zurück auf Anfang 20. Vielleicht war es sogar schon vier Jahre vorher soweit, vielleicht trank ich vom ersten Schluck nicht frei von der Gefahr, denn Trinken erfüllte bei mir von Beginn an einen Zweck. Mein Konsum war nie gelöst von Hoffnungen, die ich ins Glas transferiert habe. Von Ideen, für deren Umsetzung mir nüchtern der Mut gefehlt hat. Von Gefühlen, die ich mittels Rausch ins Positive manipulieren wollte. Es war keine Frage der Menge, wie viel ich trank. Es war keine Frage der Uhrzeit, ab wann ich trank. Es waren meine Wünsche, Träume und Visionen, die ich in den Schluck hineingelegt habe, die mich früh an mein Substrat gebunden haben. Ab wann war ich abhängig? Für mich ist heute ein Gradmesser, wie oft ich an Orte gedacht habe, an denen mich mein Heilsbringer erwartete und die ich mit dem Gedanken belegte, wenn ich erst dort angekommen bin, wird vieles besser im Sinne von leicht, schwerelos, gut.

 

Meine Geschichte ist, wie jede Suchtgeschichte, die Geschichte eines oft zitierten „Selbstmords auf Raten“, und rekapituliere ich meinen Abstieg, kann ich den Gedanken einer schwelenden Tötungsabsicht teilen, denn ich kann sehen, wie ich tiefer und tiefer in einer Symbiose versank, die meine Seele auffraß, die meine Identität verschluckte, die mein Gehirn okkupierte und die meine Autonomie niederstreckte, bis kein Fünkchen meiner Persönlichkeit übrig war. Diese Selbstauflöse vollzog sich zu keinem Tag X. Sie kannte keine unsichtbare Linie, die ich übertrat und dann war es soweit. Mein Absturz war ein schleichender Prozess, bei dem die Stadien des missbräuchlichen Konsums hin zur Abhängigkeit fließend ineinander übergingen – und zu dessen Ende ich beherrscht war von einer Gier, die sich humanmenschlichen Gesetzen widersetzte, weil in mir der Trieb regierte, eine Affektsteuerung, die jede Vernunftentscheidung niederrang.

 

Sehen musste das keiner. Sehen sollte das keiner. Sehen wollte ich das am allerwenigsten, und so habe ich meine Abhängigkeit 15 Jahre lang bestmöglich kaschiert. Bis zu einem Promillewert von 4,2 bin ich meiner Arbeit nachgegangen. Meine Sucht war lächelnd, freundlich, zuverlässig, sie war angepasst und unauffällig wie ich es war. Das Laute, die Fahrt in einem Rettungswagen, der Sturz von einer Brücke, ein hochnotpeinlicher Totalausfall vor Kollegen, das mögen die Ausschläge sein, die sich, wenn überhaupt, früher oder später nach außen zeigen. Die eigentliche Katastrophe aber vollzog sich viel früher. Mein Selbstmord war ein sehr stiller, ein sehr langsamer und sehr tonloser Fall in Zeitlupe, der sich, verkürzt gesagt, in drei Phasen abspulte.