Zu wenig Input

Am Anfang war mein Suchtgedächtnis klein. Es war repräsentiert in wenigen Leitungsbahnen, über die ich den Tag erinnerte, an dem ich das erste Mal getrunken hatte. Ansonsten war es ein Gedächtnis ein Gedächtnis wie jedes andere auch. Ein Raum, der die Fähigkeit des Gehirns umschreibt, Informationen zu speichern, sie bei Bedarf zu aktivieren und unwichtige, nicht gebrauchte Inhalte zurückzudrängen, um Speicherplatz für neuen, bedeutenderen Input zu schaffen. An sich blieb es auch ein Gedächtnis wie jedes andere auch. Mit dem eklatanten Unterschied, dass ich es verwirkte, den bedeutenderen Input zu leisten. 

 

Das Suchtgedächtnis heißt Suchtgedächtnis, weil es konsumzentriert ist, weil die Substanz den breitesten Raum innerhalb aller Gedächtnisinhalte einnimmt. Bis die Fixierung abgeschlossen ist, ist es allerdings ein Weg. Auf ihm liegen die Stufen riskanter Konsum und Missbrauch. Während dieser Phasen schnüren sich die Leitungsbahnen stetig enger zusammen. In direkter Relation wird es wachsend schwierig, aus eigener Kraft abzubremsen. In der Abhängigkeit ist das Reiz-Reaktions-Muster derart strukturstark geworden, dass es alle anderen Leitungswege überlagert. Sucht ist quasi in das Gehirn eingebrannt.

 

Und gelernt ist gelernt. Es ist unbedeutend, wie niederschmetternd der Verlauf einer Abhängigkeit sein wird. Das Suchtmittel ist in der Erinnerung felsenfest an die Belohnungserwartung gekettet. Wie Struppi auf Pfiff herbeieilt und sein Leckerli abholen will, vergisst das Trinker-Hirn nicht die Zusammengehörigkeit von Alkohol und Gefühl. Und wie Struppi weiterhin der Wurst nachläuft, auch wenn das Herrchen sie ihm vorenthält, gibt das Gehirn die Verknüpfung zur Glücksbescherung nicht auf, weil sich äußere Umstände wandeln, weil etwa der Alkohol nicht mehr wirkt wie erhofft. Das Gehirn schreibt seine Verschaltungen weder von alleine um noch schreibt es seine Gedächtnisinhalte ab. Einmal angelegte Pfade sind für die Ewigkeit gestrickt und gerade solch brachial beanspruchte Bahnen wie die Sucht-Straßen sind jederzeit aktivierbar. Sie können über Jahrzehnte vor sich hingeschlummert haben, trinke ich nach einer Abstinenzphase wieder, poppt die Konditionierung auf. Die Sucht ist wieder wach.


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