Fehlgelenkte Lernerfahrung

Wie stark die Fixierung wird, hängt letztlich davon ab, wie viele Inhalte ich in das Glas transferiere. Sucht basiert auf dem abgekürzten Weg zur Belohnung, und die ausgesparten Umwege repräsentieren meine Motive. Ich habe Stress, Alkohol. Ich scheue einen Konflikt, Alkohol. Ich vergehe vor Schüchternheit, Alkohol. Ich bin traurig, Alkohol. Die Gründe manifestieren meine psychische Bindung - und zugleich fließen sie ein in den Schaltkreis meiner Sucht. Die Kopplung stoppt nicht vor dem Gefühl, gerade nicht vor dem Gefühl. Es wird Teil des Reiz-Reaktions-Musters, bis Schwermut und Traurigkeit, bis Stress und Angst und Alkohol zusammengehören wie das Amen und die Kirche. Nahezu reflexhaft denke ich an ihn, wenn sich ein Gefühl ankündigt, das ich gewöhnlich mit Alkohol verdrängt habe.

 

So beeinflussen den Weg in die Abhängigkeit einfache Fragen, die ich mir nie gestellt habe, weil die Antworten eindeutig ausgefallen wären.  

  • Hätte ich den Alkohol vermisst, wenn er an einem Abend gefehlt hätte? Ja.
  • Trank ich für ein Gefühl? Ja.
  • Trank ich gegen ein Gefühl? Ja.
  • Welchen Ausgleich besaßen meine Alkoholgedanken? Hätte ich mich für einen Abend mit Alkohol und ohne Freunde oder für einen Abend mit Freunden und ohne Alkohol entscheiden müssen, ich hätte auf die Freunde verzichtet.

Schöpfe ich mein Wohlbefinden primär aus dem Glas, entleere ich mein Wertesystem. Alkohol wird allmächtig. Er dient als Ersatzerleben für X, Y, Z und je mehr Buchstaben es sind, umso raumgreifender nimmt er das Suchtgedächtnis für sich ein. Das Alkoholiker-Hirn hat gelernt und strukturell verinnerlicht: „Wenn ich jetzt konsumiere, wird es mir besser gehen.“  Über die schnell generierbare Erleichterung schleift sich die Substanz als universell einsetzbare Bewältigungsstrategie ein – und die Ultra-Belohnung ist der appetitive Motivator, diese Linie weiterzuverfolgen. Ganz basal ist Sucht damit eine fehlgelenkte Lernerfahrung, die sich in eindimensionalen Verbindungskanälen im Gehirn spiegelt. Andere Leitungsbahnen werden schwach bis gar nicht angelegt. Das bedeutet, ich greife zunehmend invariabel auf mein tradiertes Muster zurück.