In sich geschlossene Erlebniswelt


Ist die Bindung an den Alkohol so eng wie meine es war, wird die Trink-Lust folglich nicht nur beim Anblick eines Getränks geweckt. Sie wird auch von Kontexten erregt. Von Musik, die ich während des Konsums gehört habe. Von Menschen, mit denen ich angeheitert Spaß hatte. Von Filmen, die ich bierselig geschaut habe. Von gurgelnden Zapfhähnen, die meinen Besuch in der Kneipe akustisch untermalt haben. Die um den Alkohol herum erlebten Eindrücke werden selbst zu triggernden Auslösereizen. So reichen ein Ort, ein Geruch, eine Melodie, ein Gefühl, ein Geräusch oder ein bekanntes Gesicht, um die Dopamin-Produktion anzukurbeln und das Verlangen zu schüren. 

 

Das Begehren mag zunächst aufblitzen als überraschender Gedanke an Alkohol, obwohl ich mich gerade ab einem Ort aufhalte, an dem ich ihn gar nicht vermute. Der Impuls mag sich lange Zeit ähnlich schnell wegdrücken lassen wie er aufgetaucht ist. Doch irgendwann wird er dringlicher und begleitet einen subtil durch den Alltag. Subtil, weil die Vorgänge unterhalb der reflexiven Ebene verlaufen und nicht Produkt der reiflichen Vorüberlegung sind. Die Erinnerung klingelt niederschwellig an, weil sie zu einem stark verankerten Reiz-Reaktions-Muster zählt, das verzweigter gestrickt ist als es an der Oberfläche scheint. Zum Alkohol-Reiz zählen seine alkohol-assoziativen Kopplungen. Auf Beides erfolgt automatisiert die Reaktion des Haben Wollens.

Signale, die mir meine Augen in einer Kneipe vermitteln, werden zu Suchtreizen. Gerüche, die ich während des Trinkens einatme, werden zu Suchtreizen. Lieder, die ich zum Prosecco-Rausch höre, werden zu Suchtreizen. Menschen, die ich zum Frühshoppen treffe, werden zu Suchtreizen. Das Gros der Aufmerksamkeit hat direkt oder indirekt mit der Substanz zu tun. Alkohol, die verbundenen Gefühle und Erfahrungen entwickeln sich zunehmend zu einer in sich geschlossenen Erlebniswelt.