Komplexe Erinnerung

So ist es verkürzt zu sagen, der Weg in die Abhängigkeit führe allein über das Glücksgefühl, von dem der Konsument nicht lassen könne. Die Sehnsucht nach der Emotion initiiert jede Sucht und forciert sie bis zum Schluss. Entscheidender für die Fixierung und den Drang nach Wiederholung ist aber die Wahrnehmungssteuerung, die den Blick wieder und wieder zurück auf den scheinbar größten Reiz von allen lenkt. Und dieser Reiz begrenzt sich nicht, sondern wächst sich aus. Alkohol wurde in meiner Belohnungserwartung viel präsenter als ich es auf der bewussten Ebene realisierte. 

 

Während ich meine alkoholgeschwängerte Erinnerung ausbaute, erhielten ehedem wertneutrale Reize eine Drogenbesetzung. Hatte ich mich regelmäßig auf einer blühenden Sommerwiese berauscht, transportierte mein Gehirn beim Anblick einer Blume nicht mehr allein „Oh, hübsch, Blume“, sondern verquickte „Oh, hübsch, Blume, Belohnung, Alkohol“. Im Gehirn wächst zusammen, was zusammengehört. Unter dem Einfluss von Dopamin erkennt das Gehirn Sinnzusammenhänge. Es verschaltet, was mit was zusammenhängt. Je häufiger bestimmte Handlungen gemeinsam erfolgen, umso fester sind sie gedanklich – und damit neuronal – aneinander gebunden. Diese Kausalverknüpfungen verlaufen nicht linear von A nach B, sondern beziehen das sinnliche Rundumerleben ein. Wir hören, riechen, fühlen, sehen und schmecken, während wir Erfahrungen sammeln, und entsprechend verzahnt speichert das Gehirn sie ab. Es legt Schaltkreise an, zu denen sensorische, motorische, kognitive und emotionale Erregungsleiter gleichermaßen zählen. Ist später ein Teil des Netzwerks aktiv, sind es auch die anderen. 

 

Rieche ich Vanillewaffeln, denke ich an Oma. Höre ich die Tatortmelodie, denke ich an Bier.