Denk-Wege

Gern würde ich von einem kleinen Knubbel im Gehirn schreiben, an dem sich ein Schalter umlegte und die biologischen Hintergründe meiner Krankheit wären einfach erklärbar wie die Sollbruchstelle eines gebrochenen Arms. Das Suchtgedächtnis ist aber weder angeboren noch ist es identifizierbar als ein Organ, das lokalisierbar wäre als ein Areal oben rechts im Mittelhirn oder im Frontalhirn. Sucht ist erlerntes Verhalten und Lernen basiert auf dem Ausbau nervlicher Verschaltungen, die sich in Bezug zur Vielfalt des alltäglichen Erlebens ausbilden.  

Lokalisiere ich den Ort, der mich in die Abhängigkeit führte, so waren es meine Denk-Wege, die ich über die Fixierung auf den Alkohol stark verknappt hatte. Ein Umstand, der mein Gehirn längst nicht das Potenzial ausschöpfen ließ, zu dem es fähig gewesen wäre. In einem Gehirn befinden sich rund 180 Millionen Nervenzellen. In jeder einzelnen meiner Aktivitäten - also während ich denke, fühle und handele - gehen diese Zellen Verbindungen ein. Ihre Endköpfchen, die sogenannten Synapsen, kontaktieren sich untereinander und schließen sich zu Nervenbahnen und Schaltkreisen zusammen. Aus diesen 180 Millionen Nervenzellen können bis zu 20 Billiarden unterschiedlichster Verschaltungen erwachsen. Wie bei einem Straßensystem bauen sich dabei Routen und Vernetzungsmuster aus, vorstellbar als Denk-Wege, über die ich mein Gedankengut transportiere. Das wiederum ist die Basis für Erinnern und Vergessen: Oft gereizte Leitungsbahnen sind in meiner Erinnerung stark, selten angefachte Leitungen schwach. Je öfter ich also bestimmte Verbindungen beanspruche, umso fester werden die aktivierten Verschaltungen geknüpft, umso präsenter halte ich die darüber vermittelten Inhalte vor.


Dieses Lernsystem beinhaltet einen springenden Punkt. Wir merken uns nicht irgendwas. Wir verinnerlichen am besten das, was uns gefällt. Wir lernen nach Belohnung und Belohnung meint: nach Spaß und Freude und Glücksgefühl.