Michaela, bist Du Alkoholikerin?

Ich? Nein! Keinesfalls!


Es war März 2009 und ich 33 Jahre alt, als mein damaliger Vorgesetzter mein Alkoholproblem thematisierte. Am Vormittag war er in unserem Großraumbüro erschienen und hatte mich für 14 Uhr zu einem Gespräch in sein Büro gebeten. In der Mittagspause putzte ich mir die Zähne, bürstete die Haare auf, zog den Lippenstift nach und klopfte kurz vor Zwei an Björns Tür. Björn bestellte mich hinein und bot mir ein Mineralwasser an. Ich nahm zwei Schlucke und krallte mich am Glas fest. Dann stellte Björn seine Frage. „Michaela, hast Du ein Alkoholproblem?" Ich erstarrte, innerlich. Verbal hob ich innerhalb weniger Sekunden zu einer Gegenrede an, in der ich 50 Minuten lang haarklein sezierte, warum ich, also warum keineswegs ich Alkoholikerin sein könne, und warum ich, wenn der Fall anders gelagert wäre, es gerade ihm eingestehen würde. Unter anderem hob ich hervor, dass wir ja seit nunmehr zehn Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiteten und neben der kollegialen Ebene stets auch ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt hätten. Deshalb, nein, anlügen, das wolle ich ihn sicherlich nicht. Für meinen Kater-Geruch bemühte ich einen Hustensaft, den ich Asthma bedingt schlucken müsse (ich habe übrigens kein Asthma). Um kurz vor Drei endete unser Gespräch und Björn bat mich, noch einmal in Ruhe über alles nachzudenken. Ich könne ihn jederzeit anrufen, und damit meine er jederzeit. 

 

Es war mein Glück, dass mich am darauffolgenden Wochenende meine Freundin Meike besuchte und mich 48 Stunden live und in Farbe erlebte. Sie realisierte meine übergroße Handtasche, die ich bei jedem Klo-Gang mit auf die Toilette schleppte, weil in ihr die PET-Flasche steckte. Sie vernahm das Quietschen des Kleiderschrankes, den ich Dutzende Male geöffnet hatte, weil in ihm ein Kontingent Wodka lagerte. Auch sie realisierte meine Fahrigkeit. was Marginalien für eine Person gewesen sein müssen, die mich kennt, seit ich 13 Jahre alt bin. Beim Frühstück am Sonntagmorgen schwieg Meike und blickte mir fest in die Augen. „Michi, ich weiß, dass Du trinkst. Ich könnte jetzt an Deinen Schrank gehen. Aber ich tue es nicht.“ Ihr liefen die Tränen über das Gesicht, und ich habe nie wieder eine so dringliche Bitte vernommen wie diese. „Ich will meine alte Michi zurück, bitte.“

 

Die Wucht der Emotionen hatte mich. Bis dato hatte ich nie erwogen, dass ich andere Menschen mit meinem Handeln verletzen könnte. Dass ich mich selbst nicht liebte, war das eine. Dass ich anderen nicht zutraute, mich zu lieben, das andere. Dass ich mein Umfeld ignorierte, die verwahrloste Konsequenz. Ich leugnete nichts. Es war mir peinlich, dass ich trank. Aber stärker war die Erleichterung auszusprechen, wie sehr ich das Trinken hasste, dass ich kaum hinterher kam, dass ich immer mehr hinter dem Bemühen verschwand, den Alkohol und mich zu verstecken. Stärker war die Angst, dass ich Meike verlieren könnte.  

Vier Tage später lieferte ich mich ins Krankenhaus ein und entgiftete zum ersten Mal.