Auf der Station der geschlossenen Psychiatrie entgiftete ich zum zweiten Mal. Nach weiteren Rückfällen beantragte ich Ende 2010 eine mehrmonatige Entwöhnungsbehandlung.


Schuld und Sühne

Die Stigmatisierung funktioniert über die Missetat, die keine ist. Begrifflich ist der Alkoholismus eng verwoben mit den Begriffen der Beichte, der Buße, mit den Worten Betrug und Vertrauensbruch. (Die Alkoholbeichte! Die öffentliche Buße der … Wenn du einmal betrogen wurdest – und da ähneln sich Suff und Fremdgehen – verlierst du dein Vertrauen ...) Beichte und Buße sind sakrosankte Rituale der katholischen Kirche, und Süchte damit die letzte verbliebene Erkrankung, bei der eine falsche Moral als Maßstab darauf angelegt wird, ob ein Mensch als anerkanntes Mitglied in die Gesellschaft zurückkehren darf – oder nicht. Reue und Vergebung setzen ein schuldhaftes Ereignis voraus, einen verantwortungslosen Fehler, wenn nicht eine sträfliche Tat. Und die Chancen auf ein mildes Urteil weiten sich aus, vor Gott wie vor Gericht, wenn der Schuldige sich geläutert zeigt, wenn er einräumt, er habe einen schweren Fehler begangen und er wolle das nie wieder tun.

 

Das, Verzeihung, ist deplatzierter Mumpitz. Ich agiere weder tätlich noch kann ich ewige Nüchternheit schwören. Ich kehre nicht aus einer Kur zurück und bin geheilt. Ich kann mich bemühen, nicht mehr zu trinken, doch ein Schluck vom Tropfen und ich bin wieder krank. Wie soll ich nie wieder sagen? Der Gedanke bestreitet den Ernst meiner Krankheit, und er grätscht in einen wunden Punkt des Betroffenen hinein. Der hat nämlich selbst keine Ahnung, ob und wie er das bewältigen soll.   


Dank moderner bildgebender Verfahren können Mediziner dem Menschen seit den 1990-er Jahren ins Gehirn blicken. Seither ist bekannt, in welcher Weise Drogen auf die Arbeit des Belohnungszentrums einwirken. Der Konsum von Alkohol führt zu einer hohen Ausschüttung von Glücksbotenstoffen und "kitzelt" darüber unsere Lustzentrale, die uns motiviert, bestimmte Dinge mehr - und andere - weniger zu wollen. Weil Drogen so glücklich stimmen, speichert das Gehirn den Konsum als besondere Erfahrung ab, die es unbedingt zu wiederholen gilt. Wer zu oft trinkt, konditioniert sich damit auf einen Reiz, der in seinem Belohnungsanreiz um ein Hundertfaches stärker ist als die stärksten menschlichen Schlüsselreize Essen und Sex.