2009 konfrontierte mich mein Vorgesetzter mit meinem Problem. Ich entgiftete und war über einen Zeitraum von zehn Monaten nüchtern. 2010 baute ich einen Rückfall und brach mit 4,2 Promille in meiner Küche zusammen. Ein Rettungswagen lieferte mich in eine Klinik ein. 


Wo ein Alkoholiker, da kein Patient

Einfach, weil wir darauf vertrauen, was wir sehen. Das Gehirn arbeitet schnell, effizient und bildlich, und was nimmt es wahr? Einen Fehler im Bild, der unserer Auffassung von Erkrankung diametral entgegenläuft. Das Übel befindet sich außerhalb des Körpers. Es ruht in der Hand des Trinkers. Wir können es anfassen, wir können darauf zeigen, wir können es dem Trinker sogar wegnehmen, und wenn der nur endlich die Flasche von sich aus zur Seite stellte, dann wäre er auch nicht krank, sondern gesund.

 

Populär, weil dem Skandalösen die Abwehr innewohnt. Per Fingerzeig ist es ein Leichtes zu sagen, „Ich doch nicht“, zu verweisen auf andere, auf die da, die schon wieder Spirituosen an der Tankstelle kaufte, und die sich einmal schämen sollte, aber gewaltig. Wohl kein Medium tendierte zu der Geschmacklosigkeit, Fotos eines Krebspatienten nach einer Chemotherapie abzudrucken und zu titeln: Rückfall! Glatze! Doch wo ein Alkoholiker, da kein Patient. Wird der gemeine Trinker von einer Überwachungskamera gefilmt, während er zwei Büchsen Bier beim Tankwart auslöst, hebt der Boulevard einen körnigen Snap-Shot auf die Seite Eins, malt wie zum Beweis einen riesengroßen Pfeil auf die Dosen und dreht der ertappten Einkäuferin zum Vorwurf, dass sie justament aus der Entziehungskur entlassen sei –  „Und nun das!“ 


Es ist eine Erkrankung - doch warum?

Medizinisch firmiert Abhängigkeit unter dem Begriff eines "bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells", denn Abhängigkeit führt auf körperliche (bio), psychische (psycho) und soziale (sozial) Ursachen zurück. Damit sind die Gründe für eine Sucht-Entwicklung zu komplex, um sie auf eine einfache Ursache - wie etwa auf die Willens- oder Charakterschwäche - zu reduzieren. Auf dieser Grundlage sprach das Bundessozialgericht am 18. Juni 1968 der Alkoholabhängigkeit offiziell den Status einer Erkrankung zu. Seither haben Betroffene in Deutschland Anspruch auf eine von den Krankenkassen und/oder Rentenversicherungen finanzierte Behandlung.