Anfang 30: Meine Hände zitterten beim Erwachen. Ich bekämpfte die Symptome mit einem ersten Drink. Für die Arbeit füllte ich 1,5 Liter Prosecco mit Orangensaft in einer Plastikflasche ab. Sie fand ihrem Stammplatz in meiner Handtasche. In diesem Zustand arbeitete ich weitere vier Jahre.


Die Krankheit krankt in sich

Natürlich wissen wir, dass es den Suchtteufel nicht gibt. Aber die Fratze der Sucht ist derart hässlich, dass ihr Antlitz zweifeln lässt, ob nicht vielleicht doch? Von sich aus bringt die Krankheit keine Merkmale mit, deren halber ihr die Hinwendung zuflöge. Sie trägt keinen Gips, den wir gern umhegen. Sie ist zu verschlossen, um ihr ein offenes Ohr zu leihen. Sie ist zu destruktiv, um ihr selbstlos die Hand zu reichen. Sie wirkt zu selbstverschuldet, um ihr bedingungslos zu helfen. Außerdem fehlt dem Alkoholismus seine Garantie. Er hält keine wundervolle Auferstehung bereit. Er umspannt keine Pille, die ihn heilt. Er kennt keine Operation, auf die eine sichere Genesung folgt. Es findet sich nicht einmal ein Arzt, der sie eindeutig diagnostizieren kann. Mit Sucht verbindet die Gesellschaft zuvorderst Rückfälle, und die muten in ihrer fatalistischen Radikalität offensichtlich so endgültig an, dass einen der Sensenmann durch das Gesicht des Alkoholikers anzuspringen scheint. Hilfe, der Mensch ist in der Lage, sich von innen zu zersetzen.

 

Was sich fern der Apparate- und Reparaturmedizin bewegt, ist von alters her suspekt. Es mag schmerzlich daran erinnern, dass die Götter in Weiß nicht alles können, dass das Leben schneller vorbei sein kann als erhofft. Wann immer Ärzte eine Krankheit nicht heilen konnten, hatte der Patient seine Mitschuld zu tragen. Ihm mangele es an Moral, an Charakter und positiver Kraft, hieß es in den Anfängen der Tuberkulose, bei Cholera, bei HIV und AIDS, bei Krebs, bei Süchten jedweder Natur. Als der amerikanische Arzt Benjamin Rush Alkoholismus erstmalig als Erkrankung klassifizierte, es war im Jahr 1774, ordnete er sie als „Krankheit des Willens“ ein. Und heute? Die Wissenschaft ist um Hunderte Hopser weiter. Die mediale Inszenierung ist es nicht. Sie hält fest am Sündenbock, denn er ist ein populäres und einfaches Mittel. 


Präsentation schwarz