Das Foto zeigt mich mit 27 Jahren. Hätte mich damals jemand auf meinen Konsum angesprochen, ich hätte ihn ruppig zurückgewiesen. 


Der missliebige Patient

Der Reformator Martin Luther schrieb bereits im 16. Jahrhundert, „trinken ja, saufen kann vorkommen, aber mit Säufern wollen wir nichts zu tun haben.“ Auch fünf Jahrhunderte später steckt die Krankheit in diesem Stigma fest, allen psychologischen und neurobiologischen Erkenntnissen zum Trotz. Das Getränk spaltet holzschnittartig in Lager. Auf der einen Seite positioniert sich der Genuss (Weiß), auf der anderen die Sucht (Schwarz), und wer sich entscheiden muss, schlägt sich allendhalber zu Weiß. Genuss lässt sich intellektualisieren, glorifizieren und feiern. Sucht ummanteln Schimpf, Schande und Skandal, sie ist igitt.

 

Bekenne ich mich zu ihr, sage ich Ja zur einer der meist diskreditierten und geächteten Krankheiten, wenn sie denn überhaupt als solche firmiert und nicht als gesamtmenschliches Makel. Bevölkerungsstudien zeigen, dass Alkoholiker nicht nur persönlich abgelehnt werden, sondern dass auch ihre Behandlung einen niederen Stellenwert genießt. Auf die Frage, in welchem medizinischen Sektor Deutschland am ehesten Geld einsparen könnte, kreuzten die Befragten einer Studie der Universität Greifswald den Alkoholismus unter neun von neun körperlichen und psychischen Störungen mit Abstand am häufigsten an. 


Präsentation Weiß