Ständiger Begleiter: Mit Anfang 20 vertrug ich zwei bis drei Flaschen Wein, ohne sturztrunken zu sein. Anlässe waren willkommen, die mir das Trinken auch tagsüber ermöglichten. Ein Urlaub. Ein Ausflug. Ein Jubiläum. Ein Brunch. Die Gewöhnung schraubte sich höher.


Sucht hat viele Gesichter

Die Mär versperrt den Blick auf die vielen Gesichter der Erkrankung. Sie weiß um den Spiegeltrinker, den Quartalstrinker, den Konflikttrinker, den Gelegenheitstrinker, die Hausfrau, den Zahnarzt, die Omi und den Punker, den Rechtsanwalt und die Bürokauffrau. Das Gros der Abhängigen ist erwachsen, gebildet und übt einen Beruf aus. Es zittert nicht wie Espenlaub und bricht, lallt und torkelt nicht den lieben langen Tag. Wäre dem so, Deutschland sähe anders aus. Diese äußeren Ausbrüche können die Begleiterscheinungen der Abhängigkeit sein, es sind aber weder die einzigen noch ihre typischsten Symptome. Meist kommt die Sucht viel angepasster daher, gerne auch im Gewand des Anzugs, und diese Vorstellung mag verschrecken, denn wenig trifft so sehr wie die persönliche Betroffenheit. Wir, und das impliziert unseren erinnernden Nahbereich, wollen sauber sein und bleiben. Die Nachbarin, die morgens zum Sekt-Frühstück lädt, kann nicht „drauf“ sein, weil sie ein gepflegtes Haus mit Dach bewohnt. Herr Schmitz bei der Hausbank des Vertrauens hatte zwar beim Terminbanking zum wiederholten Mal eine Fahne bis Sankt Nimmerlein, kann aber kein Alkoholiker sein, weil der uns wirklich gut beraten hat.    

 

Offenbart sich ausgerechnet eine Person des öffentlichen Lebens, der wir ein Zuviel des Maßes nicht zugetraut hätten, bricht die Dimension der Erkrankung in einer verwirrten Gewaltigkeit über uns herein, welche die Vermutung nahelegt, dass der Alkoholismus in Deutschland bis dato ziemlich vor sich hin geschlafen habe. Eine dieser Geschichten ist die des CDU-Politikers Andreas Schockenhoff, der sich 2011 zu seiner Alkoholkrankheit bekannte. Plötzlich ist sie da, die Sucht, in der Mitte der Gesellschaft, und dann dreht sich das Karussell der Informationen mit einem Mal sehr schnell. Die Debatte kreist um Regulation und fehlende Regulation seitens des Staates, um den fragwürdigen Alkoholverkauf an Tankstellen, um den Einfluss der Werbung auf das Konsumverhalten, um Wirtschaft und Steuereinnahmen, um Folgekosten und Begleiterkrankungen, um Genussfreiheit versus Beschränkung. Sie nimmt Vieles en bloc ins Visier. Nur einer fällt dahinter zurück: der Mensch und seine individuellen Beweggründe.