Sehen musste das keiner. Ich lächelte. Fröhlich war ich trotzdem nicht. Ich scheute die Konfrontation und freundlich-lächelnd war es einfacher, Konflikten aus dem Weg zu gehen. 


Ein Gläschen in Ehren

Aber einmal anders gedacht. Wenn wir die Polemik hinausstreichen und die Buchmesse durch einen landläufigeren Ort ersetzen, sagen wir, sie wäre der Lieblingsitaliener um die Ecke, klängen die Worte ungleich vertrauter. Sollen wir dort etwa eine Kräuterlimonade zum Rinder-Carpaccio bestellen? Oder im Urlaub mit Mineralwasser darauf anstoßen, dass die Sonne bei Capri im Meer versinkt? Und wie verhält es sich mit Einständen, Ausständen, Jubiläen, Beerdigungen, einsamen Abenden im Hotel, dem ersten Date, dem Einkauf in der Boutique, sollen wir jetzt überall verzichten? Wo wir auch hingehen, oft ist er schon da, der kleine Stimmungsmacher, der den Erregungsschalter in Sekundenschnelle kippt.   

 

Ein Gläschen in Ehren mag keiner verwehren, die Floskel ist oft genutzt wie universell einsetzbar. Und ein zweites und ein drittes? Bei dieser Menge beginnt die Unsicherheit, die eine Gesellschaft umtreibt und die eine ambivalente Haltung provoziert, weil es keine eindeutigen Antworten gibt. Häufiges Trinken ist wie russisches Roulette. Keiner kann sagen, ab dem wievielten Drink der Genuss in Sucht umschlägt, wer nach dem wievielten Anlass mit zu vielen Prozenten am Glas klebenbleibt. Wer aber daran hängenbleibt, der hat anders auszusehen als das Spiegelbild, eher wie die Menschen, die einem im Fernseher begegnen. Dort trinkt der Süchtige als solcher. Er trinkt ständig und viele Flaschen leer, meist Dutzende am Tag. Haltlos wankt er durchs Leben, kaum der Sprache mächtig. Entweder ist er prominent, semi-prominent, ALG II-Empfänger oder obdachlos. Dieses Drehbuch steht geschrieben, und seine Inhalte wurde so oft und so schemenhaft transportiert, dass sie in der Lage sind, einen gefährlichen Irrglauben zu vermitteln: Wer diesem Abziehbild nicht gleicht, der habe kein Problem. 


Empfohlene Grenzwerte

Die WHO legt 20 Gramm Reinalkohol bei Frauen und 30 Gramm bei Männern als Obergrenze für einen – vermutlich – risikoarmen Tageskonsum fest. Das entspricht bei Frauen etwa 0,5 Liter Bier oder 0,2 Liter Wein. Für Männer gilt die anderthalbfache Menge. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHD) stapelt in ihren Empfehlungen tiefer. Sie nennt als risikoarme Schwelle 24 Gramm Reinalkohol bei Männern (0,6 Liter Bier oder 0,3 Liter Wein) und bei Frauen 12 Gramm Reinalkohol (0,3 Liter Bier oder 01,15 Liter Wein). Die Zahlen meinen nicht, dass ich bei einem darüber liegenden Verzehr sogleich abhängig wäre. Sie drücken aus, dass Alkohol ein Nervengift ist, das im Körper abgebaut werden muss – und das beeinflusst ab bestimmten Mengen den gesunden Stoffwechsel, schädigt das zentrale Nervensystem und greift in die Funktionsweise der Organe ein.