Ich flüchtete in eine Parallelwelt. Während meines Studiums feierte ich jede Nacht. Alkohol zählte für mich wie selbstverständlich dazu.


Unsichtbare Größe

Wo sind die Menschen zu den 20 Prozent? Dafür, dass das Risiko jeden fünften Deutschen touchiert, ist die Größe äußerst unsichtbar. Außerhalb meiner Therapiegruppe hat mir jedenfalls noch nie jemand erklärt, dass er zu viel tränke. Dafür habe ich oft gehört, dass jemand jemanden kennt oder dass jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der vermutlich oder ganz sicher ein Alkoholproblem habe. Die Krankheit eignet sich für die Flüsterpost, für die fette Schlagzeile, für das Gespräch hinter vorgehaltener Hand. Doch die feste, laute Stimme ist nicht die ihrige. Als Getränk ist Alkohol in der Mitte der Gesellschaft verortet. Als Krankheit ist er es nicht. In ihr geht es vor allem darum, sie nicht zu haben, sie weiträumig zu umschiffen, die größtmögliche Distanz zwischen sie und seine Privatsphäre zu schieben.    

 

Alkohol hat ein Genussmittel zu sein, ein Kulturgut, frei von der Gefahr. Will jemand dieses Image beschädigen, genügt ein Griff in die Konservenbüchse und der Suchtstoff erstrahlt als blütenreines Lebensmittel. Er ist Brauchtum. Er beflügelt den Geist. Im Wein wohnt die Wahrheit, und solch tradierte Weisheit kann reichen, um Hinweise auf schädliche Nebenwirkungen als lustfeindlich wie moralinsauer abzutun. Der Kulturjournalist Peter Richter verstieg sich während einer Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur Ausführung, bei der Buchmesse-Party sei es töricht gewesen, sich nüchtern an den Rand zu stellen, während intelligenteste Menschen, befeuert von Alkohol und Tabakwaren, in tiefgreifende Gespräche abtauchten. Richter zählte sich selbst zu den berauschten Köpfen und säße nun mit einem „behaglichen Kater" in der Sendung, Seite an Seite mit trockenen Alkoholikern, Politikern und Medizinern. Selbstverständlich sorgten seine Sätze für Empörung, einerseits.