Meine Rehabilitation dauerte von März bis Juli 2011. Anschließend besuchte ich eineinhalb Jahre eine Nachsorge-Gruppe. Zusätzlich machte ich drei Jahre Einzeltherapie. Getrunken habe ich seither keinen Tropfen.


Aufarbeiten, Entwirren, Entzerren

Für mich wäre es niemals damit getan gewesen zu sagen, es tut mir leid, ich hülle mich in Sack und Asche, und lasse es, schwöre-ehre, fortan sein. (Habe ich nach meiner ersten Entgiftung versucht, hat nicht geklappt.) Nüchtern zu werden und zu bleiben, ist ein ähnlich komplexes Unterfangen wie abhängig zu sein. Komplex, weil es Überwindung kostet, sich und anderen gegenüber ehrlich zu sein. Komplex, weil der Selbstwert am Boden liegt und aufgerichtet sein will, um einen Neuanfang zu schaffen. Komplex, weil es um aufrichtige Gefühle für sich und andere geht, um eine Betrachtung des Vergangenen, die schonungslos sein kann und die deshalb am ehesten gelingt, wenn ich mein Verhalten nicht sogleich negativ bewerte. Komplex, weil mein Gehirn neu- und umlernen muss, um nicht an alte Muster anzuhängen. Komplex, weil ich ergründen muss, wer ich bin und welche Teile eines verzweigten Krankheitsmodells auf mich zutreffen, um das Wissen um meine Person in meine Zukunftsplanung zu integrieren. Komplex erst recht, weil ich mich auf diesem Weg verändere und weil ich nicht weiß, ob die Menschen, die mir nahe sind, die Veränderungen mittragen können und wollen.

 

Die seelischen Wunden, die ich mir und anderen zugefügt habe, brauchen Zeit, um zu heilen. Und das klappt am besten, indem ich mich versöhne, mit mir, mit meiner Vergangenheit und mit den Menschen, die verletzt wurden oder es noch sind. Wie gelingt das den Beteiligten? Wie puzzele ich mein Bild? Wie gliedere ich mich zurück in die Gesellschaft? Diese Fragen beinhalten Herz und Seele. Sie geben der Krankheit ein Gesicht abseits der überzeichneten Karikaturen. Allein, sie erhalten selten Raum. Dafür, dass Alkoholabhängigkeit persönliche Schicksale beherbergt, bleibt ihre Vermittlung extrem unpersönlich. Die Aufklärung stoppt dort, wo es in Innere geht, wo es emotional werden könnte. Sie bremst ab im hilflosen Erschrecken darüber, dass es viele betreffen kann. Die Nachbarin. Den Bankberater. Den Gärtner. Den Politiker. Die Theologin. Mich. Uns.




Download
Das Stigma.pdf
Adobe Acrobat Dokument 355.4 KB