Ich litt unter Minderwert und dieses schadhafte Selbstbild machte mich anfällig für einen Übersprung, der mir einflößte, vorübergehend stark zu sein.


Vier in eins: Genussmittel, Lebensmittel, Arzneimittel, Suchtstoff

Alkohol schafft einen enormen Spagat. Er ist Kulturgut, Arznei, Lebens- und Genussmittel – und irgendwo dazwischen ist er ein Suchtstoff. Die Schere klappt auf von links nach rechts. Die Substanz kann extrem gut sein und extrem schlecht, und diese Funktionen sind so widersprüchlich, dass sie leicht eine Doppelmoral bezüglich alkoholischer Norm-Vorstellungen heraufbeschwören können. Es ist die definitorische Freiheit, die das Meinungsbild zerreißt, oder vielmehr nicht. Wo die Mehrheit problemfrei mit einem Gut verfahren kann, warum kann es dann die Minderheit nicht?

 

Trinken und Räusche sind keineswegs abnorm. Sie sind sogar sozial erwünscht, als Bindemittel, als Spaßmacher, als Löser der schweren Stimmungen und des kreativen Staus. Bis zu einer Grenze. Verliert eine Person die Kontrolle über den Rausch, wendet sich das Blatt. Mir ihr kann, soll, muss, darf etwas nicht stimmen. Sie fällt hinaus aus der Gruppe jener 80 Prozent, die Alkohol linear positiv betrachten dürfen, und wechselt hinüber ins Lager der 20 Prozent, die ein Gefährdungspotenzial verströmen. Doch es scheint, als dürfe exakt diese Bedrohlichkeit nicht sein, als stünde irgendwo verbrieft, dass jemand ganz viel trinken darf, weil er trinkt, aber niemals, weil er trinkend etwas kompensiert.